Transkription
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КА: Niemand hat Sie als Fachfrau darauf vorbereitet, dass ein Krieg ausbrechen würde und Sie mit Menschen arbeiten müssen, die ihn durchlebt haben oder gerade jetzt durchleben. Wie haben Sie sich beruflich angepasst? Was mussten Sie dringend dazulernen, um den Menschen zu helfen? Wo haben Sie nach Informationen gesucht, gibt es sie überhaupt, oder mussten Sie von Grund auf selbst versuchen, sich auszudenken, wie man Sitzungen an die Kriegszeit anpasst?
ИМ: Sie haben Recht, niemand hat mich darauf vorbereitet, dass ich mit Menschen arbeiten müsste, die einen Krieg durchleben. Aber man hat mich darauf vorbereitet, mit Menschen zu arbeiten, die Trauer durchleben, Verlust, den Verlust von Stützen und den Zusammenbruch von Werten, das Überdenken des ganzen Lebens. Ich musste das alles einfach zu einem Puzzle zusammenfügen und skalieren. Aus den offensichtlichen „Fortbildungen" – muss man alle möglichen Materialien zur Arbeit mit sexueller Gewalt während des Krieges finden. Es hilft die Erfahrung der Kollegen aus dem Donbas, dem Nordkaukasus. Wir sammeln zusammen, was wir können [Anm. d. Red.: russische Redensart „с миру по нитке" – wörtl. „von der Welt einen Faden", d. h. jeder gibt etwas Kleines, daraus entsteht etwas Ganzes].
КА: Viele von denjenigen, die es geschafft haben, aus den Kampfgebieten wegzukommen, schämen sich, weiter zu leben, fühlen Schuld dafür, dass sie sich gerettet haben und andere – nicht. Wie arbeiten Sie mit denen, die wegziehen mussten?
ИМ: Häufiger empfinden Schuld dafür, „normal" weiterleben zu können, diejenigen, die schon vor dem Krieg dazu neigten, sich für alle Sünden selbst zu lynchen. Der Krieg bringt wenige neue Phänomene in die Therapie, aber er beleuchtet sehr viele bereits vorhandene. Also arbeite ich wie früher und erinnere die Klienten daran, dass Trauer – kein großer Kuchen ist, und davon, dass sie sich ein Stückchen abschneiden, wird in der Welt nicht weniger davon. Aber Freude – das ist sehr wohl ein Kuchen, den muss man vermehren.
КА: Wie arbeiten Sie mit denen, die gerade jetzt unter Beschuss stehen oder in unmittelbarer Nähe der Kampfhandlungen? Welche Methoden verwenden Sie in der Arbeit mit ihnen?
ИМ: Wenn der Mensch direkt unter Beschuss ist – hat er meistens keine Zeit für Therapie. Mit diesen Klienten halte ich einfach textuell Kontakt, erinnere sie daran zu essen und zu trinken, zu atmen, Arme und Beine zu lockern, zu schlafen, soviel es geht. Aber das ist im Großen und Ganzen jetzt auch die Hauptmethode der Arbeit – wir gehen nicht in die Tiefe des Traumas, wir wühlen die Emotionen nicht auf. Der Mensch baut für sich psychologische Schutzmechanismen auf, friert die Gefühle ein, das hilft ihm jetzt zu überleben, ich habe nicht das Recht, diese Stützen zu zerstören. Ich arbeite mit körperlichen Symptomen und Empfindungen, helfe mit irgendwelchen technischen Ratschlägen wie etwa, wie man mit Panikattacken zurechtkommt oder aus einem Konflikt mit Verwandten herauskommt.
КА: Sie haben auf Instagram geschrieben, dass eine der großen Fragen in der Therapie jetzt – das ist, wie man damit arbeiten soll, dass nicht nur ein Krieg geht, sondern auch Gewalt geschieht. Erzählen Sie ausführlicher davon und davon, wie Sie damit zu arbeiten gedenken.
ИМ: Krieg – das ist tiefster Stress. Sowohl für die, die nie damit konfrontiert waren, als auch für die, die schon damit konfrontiert waren. Ich weiß nicht einmal, wem es schlimmer geht. Es gibt Menschen, die 2014 vor dem Krieg aus dem Osten der Ukraine in zentrale Zonen geflohen sind, und jetzt müssen sie wieder fliehen. Eine gewaltigste Erschütterung für die Psyche. Andererseits, Gewalt – das ist auch tiefster Stress, ein schwerstes traumatisches Ereignis. Es kommt heraus, dass der Mensch gleich auf mehreren Ebenen eine grausame Verletzung von Grenzen erlebt – persönlichen, körperlichen, kollektiven, territorialen. Das heißt, ich arbeite, grob gesagt, nach den alten Protokollen, aber unter Berücksichtigung dessen, dass das Trauma um ein Mehrfaches verstärkt ist.
КА: Sie schreiben in den sozialen Netzwerken verschiedene Merkblätter. Wie reagieren die Leser darauf? Wie haben Sie beschlossen, sie zu machen?
ИМ: Solche Merkblätter entstehen in meinem Kopf gewöhnlich gegen Ende des Arbeitstages. Ich habe Klienten aus verschiedenen Ländern, in verschiedenen Situationen – manche sind weggefahren, manche sind geblieben, Russen, Ukrainer, verschiedener Altersgruppen und in verschiedenem Maße mit dem Krieg vertraut. Oft entsteht in den Sitzungen irgendein wichtiger Satz, der dem Klienten gerade in seiner Situation hilft. Am Ende des Tages sammle ich sie in einem Merkblatt zusammen, es kommt eine Sammlung von Wichtigem für eine große Gruppe von Menschen heraus. Sie reagieren größtenteils gut, bedanken sich für wertvolle Erinnerungen. Aber überall gibt es Menschen, die, wissen Sie, wie in der Marschrutka [Anm. d. Red.: Sammeltaxi] – mal zieht es bei ihnen, mal ist es ihnen zu stickig. Sie finden etwas, woran sie sich stoßen können. Aber die gibt es unter jedem Post, nicht nur unter Merkblättern.
КА: Erzählen Sie über Ihre Position zur Wichtigkeit der Fragen des Feminismus unter den heutigen Bedingungen.
ИМ: Wie schon gesagt, der Krieg hat das beleuchtet, was bereits in der Welt war und was bereits in mir war. Ich bin Feministin, ich arbeite viel mit Frauen, mache vieles dafür, dass Frauen in sich eine Stütze und das Recht auf jede ihrer Äußerung spüren. Und das, was jetzt geschieht – Gewalt, Beschneidung von Rechten, stereotypes Denken – ist nicht neu. Auf das alles scheint nur jetzt ein sehr helles Scheinwerferlicht. Bitter, dass es so einen Preis hat, aber das zwingt die Menschen, ihre Sichtweise zu ändern und zu helfen.
КА: Außerdem haben Sie über die Wichtigkeit von Alltagsgewohnheiten und ihre Transformation unter Kriegsbedingungen geschrieben, erzählen Sie davon.
ИМ: Der Alltag – das ist unsere Stütze und Stabilität zu allen Zeiten. Unsere Gewohnheiten, die Dinge, die uns umgeben, die Rituale, die wir uns schaffen, die tägliche Routine. Wenn die großen Stützen zusammenbrechen, bleiben die kleinen – die Wäsche reinzuladen, sich abends mit Reinigungsschaum zu waschen, morgens Tee zu trinken. Es ist sehr wichtig, in sich das Gefühl wenigstens irgendeiner Stabilität zu bewahren, sonst hält die Psyche so eine Anspannung nicht aus. Zusammen damit erinnere ich Abonnenten und Klienten immer daran, dass einige Gewohnheiten es nur schlimmer machen können, wenn sie in Friedenszeiten bestimmter Anstrengungen bedurften. Jetzt sind alle inneren und äußeren Anstrengungen aufs Überleben gerichtet, auf Anpassung, darauf, einfach, entschuldigen Sie, nicht durchzudrehen. Wenn man hier noch tägliches Lesen in einer anderen Sprache hinzufügt oder zum Beispiel vierzig Kniebeugen, kann das den inneren Zustand nur verschlimmern und das letzte wichtige Stückchen Kräfte wegnehmen. Deshalb muss man beobachten und sorgfältig die Stabilisatoren und Stützen auswählen.
КА: Wie sollen Ukrainer mit der großen Menge an Aggression seitens Menschen aus Russland zurechtkommen? Stoßen viele Menschen darauf?
ИМ: Beginnend mit dem 24. Februar stoßen täglich fünfzig Millionen Ukrainer auf Aggression seitens Menschen aus Russland. Ich glaube nicht, dass vor diesem Hintergrund viele auf Kommentare im Internet achten. Die Menschen haben sich an Bots gewöhnt, haben sich an Unangemessene gewöhnt, jetzt unterstützt das nur den Kampfgeist. Durch Hass und Russophobie, leider, aber im Krieg hat man keine Wahl. Für diejenigen, die Aggression seitens der Russländer kränkt, erinnere ich daran, dass das Schutzmechanismen verschiedenen Spektrums sind, und diese Aggression ist in Wirklichkeit nicht auf Sie gerichtet. Schulmann [Anm. d. Red.: Jekaterina Schulmann, russische Politologin] hat gut und einfach über die Identifikation mit dem Aggressor erklärt: „Ich schließe mich dem Abuser an, damit es mich nicht trifft".
КА: Eine scharfe Ablehnung von allem Russländischen und Russischen – das ist jetzt eine normale Reaktion. Wie denken Sie, was wird in dieser Hinsicht weiter geschehen?
ИМ: Ja, die Russophobie blüht jetzt und unterstützt Kräfte und den Glauben an einen baldigen Sieg. Leider gewinnt man einen Krieg nicht bei großer Liebe und Mitgefühl für den Gegner. Mir fällt es schwer zu prognostizieren, ich glaube, dass diese Anspannung nachlassen wird, aber das frühere Verhältnis zu den Russländern und zur russischen Kultur wird es nicht mehr geben, das steht fest.
КА: Die Menschen in der Ukraine beginnen, sich sowohl an den Beschuss als auch an die Sirenen zu gewöhnen. Einerseits ist das gut, das ist eine gesunde Reaktion – sich anzupassen. Andererseits kann man so die Wachsamkeit verlieren, die Empfänglichkeit stumpft ab. Wie kann man unter solchen Bedingungen sowohl die Verbindung zur realen Bedrohung nicht verlieren als auch seine Psyche schützen?
ИМ: Wie mein Supervisor sagt: „Wenn die Rakete trifft – tut es nicht mehr weh, und wenn sie nicht trifft, dann ist es sogar angenehm". Die Menschen, die sich in der unmittelbaren Zone der Kampfhandlungen befinden, verlieren die Wachsamkeit nicht, glauben Sie mir. Sie haben einfach nicht so eine Möglichkeit, die Geräusche explodierender Bomben oder von Granateneinschlägen in Nachbarhäuser – das ist keine Sirene, an die kann man sich praktisch nicht anpassen und ruhig wahrnehmen. Aber Menschen, die jetzt in relativ sicheren und befreiten Zonen sind, könnten sich kaum stärker absichern. Sie können die Wachsamkeit nicht verlieren und jedes Mal in den Keller laufen – das ist das Risiko, verschüttet zu werden. Sie können die Wachsamkeit nicht verlieren und in den Flur oder ins Badezimmer laufen – aber keine doppelte Wand wird sie vor einer Granate retten. Es ist schrecklich, so etwas zu sagen, aber hier ist es entweder Glück oder nicht. Also, in den Fällen, wo man sich nicht stärker absichern kann, ist es doch besser, sich anzupassen und sich wenigstens ein wenig Ruhe zu gönnen.
КА: Sie selbst befinden sich in der Ukraine. Wie arbeiten Sie unter solchen Bedingungen?
ИМ: Ich schließe die Fenster fester, damit die Sirenen die Sitzung nicht stören… Ich scherze natürlich. Ich habe mit den Klienten besprochen, dass jederzeit jemand von uns die Sitzung kostenlos absagen kann, wenn plötzlich eine Sirene kommt, wenn etwas in der Nähe eingeschlagen ist, wenn man einfach sehr unruhig ist und keine Kraft zum Arbeiten hat. Im Großen und Ganzen erweist sich die Tatsache, dass ich mich in der Ukraine befinde, als heilsam. In dem Sinne, dass meine Worte gleichsam mehr Gewicht bekommen, als ob ich im Namen der Ukrainer sprechen würde. Für die Klienten aus Russland ist es wichtig zu hören, dass ich nicht böse auf sie bin und sie nicht beschuldige, und das ist für sie therapeutisch. Den Klienten, die sich selbst beschuldigen, dass sie nicht unter Beschuss sind, sage ich: „Ich bin hier, mit dir, obwohl in meinem Land Krieg ist. Deine Probleme sind nicht weniger wichtig, ich sorge mich um dich". Natürlich funktioniert das nicht überall.
КА: Die Arbeit mit denen, die der Krieg traumatisiert hat, ist auch für Sie sehr traumatisch. Wie kommen Sie damit zurecht?
ИМ: Nein, die Arbeit ist für mich nicht traumatisch. Der Krieg ist für uns mit den Klienten gleichermaßen traumatisch, und die Arbeit – gleichermaßen heilsam. Im professionellen Kreis wissen das alle, aber für Menschen „von der Straße" ist das eine Überraschung – aber der Therapeut heilt sich am Klienten. Das ist ein großes Thema, jetzt ist nicht die Zeit, es auseinanderzulegen. Ich sage nur, dass jedes Ausatmen des Klienten, jede seine Erleichterung, jede Erlaubnis zu trauern auch mir hilft.




