Ein Bewohner Chersons blieb während der Besatzung in der Stadt und half, die erste ukrainische Flagge nach der Befreiung der Stadt aufzuhängen
Borys Aliiev, ein Aserbaidschaner, lebt seit 1998 in Cherson. Er erzählt über das Leben unter russischer Besatzung. Sein Sohn wurde entführt und zwei Tage lang geschlagen, weil er ein Foto mit einem Freund aus den Streitkräften der Ukraine hatte. Er teilt Erinnerungen an Angst, Repressionen, das erzwungene „Referendum“ und die Weigerung, Rubel zu verwenden. Er beschreibt den Tag der Befreiung der Stadt und wie er einem ukrainischen Soldaten half, die erste ukrainische Flagge im befreiten Cherson aufzuhängen.
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КА: Katja Alexander
БА: Boris Aliev
КА: Hallo, Boris, guten Tag.
БА: Ja, guten Tag-guten Tag.
КА: Guten Tag-guten Tag. Ich bin sehr froh, dass Sie Zeit gefunden haben, mit mir zu sprechen. Vielen Dank dafür.
БА: Nicht der Rede wert, nicht der Rede wert. Ich danke Ihnen, dass Sie nicht abseits stehen und alles tun, damit es hier besser wird für unser Volk, für unsere Menschen. Vielen herzlichen Dank Ihnen.
КА: Wie könnte es anders sein.
БА: Sehen Sie, ich würde gerne unsere Unterhaltung so beginnen, dass ich mich vorstelle.
КА: Natürlich, ich werde Ihnen dann noch im Verlauf präzisierende Fragen stellen, machen Sie sich keine Sorgen.
БА: Ja. Zunächst erzählen, dass ich seit 1998 hier lebe, ich habe hier Familie, Kinder. Ich bin stolz darauf, dass ich zwei Heimatländer habe, nicht nur eines. Das heißt, damit anfangen, und dann übergehen, na ja, Sie stellen schon Fragen, wie das vonstatten ging, ich beginne alles Schritt für Schritt zu erzählen.
КА: Gut. Erzählen Sie von sich, davon, wie Sie nach Cherson kamen, von Ihrem Leben dort.
БА: Ich heiße Aliev Boris Mahmud-Ogly. Ich bin Staatsbürger Aserbaidschans. Ich kam 1998 in die Ukraine und lebe seitdem in der Stadt Cherson. Hier habe ich, hier habe ich Familie, drei Kinder – zwei Söhne und eine Tochter. Ich betrachte die Ukraine als meine zweite Heimat und bin stolz darauf, dass ich nicht eine Heimat habe, sondern zwei, das heißt Aserbaidschan und die Ukraine.
КА: Warum sind Sie 1998 in die Ukraine gegangen?
БА: Ich arbeitete in den Neunzigern in Moskau, dann kam ich irgendwie zu Besuch, mir gefiel die Ukraine selbst sehr, die Natur, die Städte. Und das Wichtigste, was mir gefiel – hier gibt es sehr gastfreundliche Menschen. Gute, würdige, stolze Menschen. Ich entschied zu bleiben, ich suchte nicht, wo es mir besser gehen würde. Ich entschied, dass es mir in der Ukraine besser gehen würde zu leben, deshalb blieb ich. Seit der Besetzung, seit Februar, bin ich nirgendwo hingefahren, ich lebte in Cherson. Ich versuchte auf jede Weise, Rentnern zu helfen – irgendwelche Lebensmittel zu liefern oder zu bringen, irgendwo mit Geld zu helfen. Im Prinzip versuchten wir irgendwie zu überleben, weil es eine sehr schwere Zeit war wegen dieser Repression. Aufbrechen von Wohnungen, Verschwinden von Menschen, außerdem schossen sie jeden Tag, jede Nacht. Das heißt, solche Sachen, das alles war schwer zu ertragen, sehr schwer. Aber, Gott sei Dank, Ehre den Streitkräften der Ukraine, dass sie endlich unsere Stadt zurückerobert haben. Wir sind jetzt sehr froh über alles, was geschieht, aber sie haben natürlich noch sehr viel Arbeit. Viele unserer Länder sind noch beim Aggressor.
КА: Und als Sie unter der Besetzung lebten, wurden gegen Sie irgendwie repressive Maßnahmen angewandt? Betraf Sie das oder Ihre Familie?
БА: Mich persönlich betraf das nicht, ich bemühte mich, jeglichen Kontakt mit ihnen zu vermeiden. Aber meinen jüngsten Sohn nahmen sie mit, und zwei Tage schlugen sie ihn.
КА: O mein Gott! Erzählen Sie davon.
БА: Er hat einen Jugendfreund, der dient in den Streitkräften der Ukraine, und mein Sohn ist 18 Jahre alt. Er hat aus Dummheit Fotos zusammen mit ihm in den sozialen Netzwerken veröffentlicht. Und sie begannen ihn nach dem Foto zu suchen, nachzufragen. Schließlich kontaktierten mich meine Verwandten, die hier leben, in Cherson. Sie teilten mir diese Nachricht mit, dass sie ihn suchen. Zu dem Zeitpunkt hatten wir noch die Möglichkeit über Wassyliwka auszureisen. Das heißt, ich setzte ihn hier auf die Fähre, damit er über Wassyliwka nach Kiew ausreist, dort sollten meine Verwandten ihn abholen. Als er schon den Fluss auf der Fähre überquert hatte, in den Bus stieg, kamen sie rein, zogen ihm einen Sack über den Kopf, fesselten seine Hände und nahmen ihn mit. Ich wusste nichts davon, weil die russische Verbindung da war, sie störten sie, mal war sie da, mal nicht. Und am dritten Tag... Na ja, ihn dort, wie er erzählte, schlugen sie sehr stark. Mit allerlei Befragungen, "wo er ist, was er ist, nimm Kontakt mit ihm auf". Er sagt: "Sie verstehen doch, das ist ein altes Foto, kein neues". Ich war nicht mal im Bilde, dass sie ihn mitgenommen hatten. Und am dritten Tag kam er, seine Hände waren blau. Er behielt es als Andenken, ich sagte: "Behalte dir diesen Sack", er liegt bei ihm irgendwo jetzt zu Hause, weil er getrennt lebt, allein. Das berührte mich, ich machte mir natürlich große Sorgen wegen allem, lange Zeit konnte ich nicht zu mir kommen, weil ungewiss war, womit das enden würde, die ganze Zeit war mir bange, dass sie noch einmal wegen ihm kommen könnten, ihn mitnehmen. Sie nahmen Menschen mit, viele verschwanden, viele können wir nicht finden, sogar ich beteilige mich. Wir suchen überall, in den sozialen Netzwerken verbreiten wir überall, dass wir suchen, aber bisher keine Nachrichten. Solche Momente, sie machten mir sehr Angst. Aber, Gott sei Dank, es ging gut aus.
КА: Und wie erfuhren Sie, dass Ihr Sohn in Gefangenschaft ist? Sie brachten ihn einfach dann nach Hause zurück, oder wie lief das ab?
БА: Ja, sie sahen auf seinem Telefon mein Foto. Er sagt mir: "Papa, der Mensch sprach mit Akzent, ich verstand, dass das ein Kaukasier ist". Und sagt: "Ich sehe sie nicht, ich höre nur Stimmen, weil ständig der Sack auf dem Kopf". Und, sagt er, als er fragte, wer auf dem Foto sei, antwortete er, dass das der Vater ist. Er stellte die Frage: "Und wer ist er von der Nationalität?" Der Sohn sagte, dass Aserbaidschaner. Worauf jener wieder fragte: "Und du, wer bist du?" Der Sohn sagte, dass "wenn mein Vater Aserbaidschaner ist, bin natürlich auch ich Aserbaidschaner". Woraufhin er sagte, dass "ich bringe dich dorthin, wohin du sagst, näher, wo du wohnst. Ich setze dich ab, und du gehst". Und begann ihm zu erzählen, dass "du bist jung", mein Sohn ist Sportler, "du hast die ganze Zukunft vor dir, wiederhole solche Fehler nicht mehr", dass "die Zeiten so schwer sind, du siehst es selbst". Er brachte ihn hin, setzte ihn im Park ab, sagte: "Sobald ich weg bin, nimmst du den Sack ab". Er nahm den Sack ab, sein Telefon lag daneben, die Tasche mit Sachen, nichts rührten sie an.
КА: Verstehe ich richtig, das Foto, weswegen sie ihn mitnahmen – ist das irgendein altes Foto in seinen sozialen Netzwerken? Oder veröffentlichte er es schon unter der Besetzung?
БА: Ich habe ehrlich gesagt nicht nachgefragt. Er veröffentlichte es, meiner Meinung nach, früher oder es war bei ihm... Man sagte mir, dass sie ihn über die sozialen Netzwerke fanden.
КА: Es stellt sich heraus, dass sie die Bewohner von Cherson auf das Vorhandensein von Fotos mit... überwachten
БА: Natürlich. Wir hatten elementar Angst, mit den Unsrigen zu kommunizieren, wir kommunizierten heimlich, damit es in unserem Gespräch nichts gab, woran man sich festhalten konnte. Alles wurde abgehört, alles angeschaut, gefiltert, sie brachen Garagen auf, brachen Wohnungen auf, nahmen Menschen mit. Solche repressiven Momente waren da. Den Leuten nahmen sie dreist Autos weg, das heißt, da fährt er, sie hielten ihn an, nahmen das Auto weg.
КА: Wie war es mit Ihnen und Ihrem Sohn, nachdem sie ihn zwei Tage geschlagen hatten? Verstehe ich richtig, dass sie versuchten zu erreichen, dass er Kontakt zu seinem Freund von den Streitkräften der Ukraine aufnimmt und irgendwelche Informationen herauslockt?
БА: Ja, ihm half in dieser Situation ein Mensch, der Kaukasier war. Das heißt er am Akzent... Er sagte mir: "Papa, am Akzent verstand ich so, dass das ein Kaukasier ist", aber verstand nicht, ob das ein Georgier, Aserbaidschaner oder Dagestaner ist. Er verstand nicht, wer genau von der Nationalität es sein könnte. Aber der Akzent, sagt er, kaukasisch. Bei uns hier, in Cherson, leben nicht nur Aserbaidschaner – hier leben auch Georgier, und Dagestaner lebten, und jetzt leben Lesgier, Awaren. Cherson ist eine große Stadt, deshalb leben hier sehr viele verschiedene Völker. Armenier sehr viele hier. Deshalb "am Akzent, – sagt er, – zog ich den Schluss, dass er Kaukasier ist", und er half ihm wegzugehen. Danach saß er mal bei mir, mal bei Freunden, mal irgendwo bei der Großmutter. Er wechselte ständig, wechselte Adressen, damit sie ihn nicht erneut mitnahmen.
КА: Und sie nahmen ihn nicht erneut mit?
БА: Nein-nein-nein-nein. Ich sage ja, wir versteckten ihn überall, wir wechselten die Nummer, damit er reine Verbindung mit uns hielt, mit mir, mit der Mutter.
КА: Der Sohn kehrte aus der zweitägigen Gefangenschaft zurück. Erstens, wann war das ungefähr, erinnern Sie sich an den Monat, als sie ihn mitnahmen?
БА: Das war genau vor dem, als sie hier das Referendum ankündigten.
КА: Aha, das heißt, das ist September.
БА: Ja, das waren genau die ersten Wochen, als schon das Thema Referendum losging, dass alles, Referendum, wir beginnen zu wählen. Damit Sie verstehen, die Abstimmung lief so ab, dass Großmütter mit einer Kiste in den Händen durch die Straßen, durch die Höfe gingen, gingen mit zwei Maschinengewehrschützen, in diesem Tempo sammelten sie die Abstimmung. Natürlich die, die für ihr Heimatland sind, für die Ukraine, Patrioten, sie... Es war sogar ein Fall, dass sie zu uns kamen: "Lasst uns abstimmen". Wir sagten: "Wir haben unseren Präsidenten, wir werden für niemanden abstimmen".
КА: Und hatten Sie keine Angst, das zu sagen angesichts dessen, dass Sie verstanden, welche Atmosphäre herrschte?
БА: Sehr bange, von ihnen konnte man alles erwarten, sie konnten uns zum Beispiel mitnehmen. Anders ging es nicht, wenn wir so nicht gemacht hätten, hätten sie uns gezwungen zu wählen. Und so, als wir ihnen klar sagten, dass uns das nicht interessiert, wir haben euch nicht hierher eingeladen, wir lebten friedlich, im Wohlstand, uns passte alles – unsere Regierung passte, das Land passte, die Menschen passten, ihr kamt hier eure Ordnungen einführen, die wir nicht brauchen. Dann verstanden sie schon, dass es sinnlos war zu beweisen, zu erklären oder zu versuchen zur Abstimmung zu zwingen.
КА: Und wie entschieden Sie sich dazu, eine solche, ziemlich radikale Position unter den Bedingungen der Besetzung zu äußern? Wie entschieden Sie sich dazu?
БА: Ich sage Ihnen so. Zu dem Zeitpunkt war ich nicht allein, wir hatten einen ganzen Hof voller Jugend, viele Kinder waren da. Andererseits lebten wir sowieso schon unter Repression, unter ständiger Angst, wir erwarteten jede Minute irgendein Unglück. Sei es ein Einschlag, seien es die, die kamen, warfen einen Sack über den Kopf, nahmen mit. Wir durchlebten das alles sowieso schon. Verstehen Sie, Angst zu haben hatte schon keinen Sinn. Entweder mich konnten sie, oder Nachbarn, Freunde – jeden Bürger, der hier lebte, in Cherson, konnten sie für so etwas wegbringen zum Quälen, oder einfach kommen, weil sie es so wollten. Wir durchlebten das alles, schon verlor die Angst ihre... Sie nahm das Ihre und alles, und verlor sich, wir gewöhnten uns schon daran, weil 9 Monate – das ist keine kleine Frist. Wir gewöhnten uns allmählich, allmählich an alles.
КА: Und dieses Gespräch über das Referendum, es geschah schon nachdem sie Ihren Sohn entführt hatten?
БА: Noch einmal? Ah, Sie meinen über das Referendum, ja?
КА: Ja-ja.
БА: Ja, natürlich.
КА: Können Sie versuchen noch zu erzählen, wie sich die Besatzer verhielten und in welchem Zustand überhaupt die Chersoner die ganze Zeit der Besetzung waren?
БА: Die Chersoner, sie hielten durch. Wir wussten, dass unsere Soldaten uns befreien würden. Wir wussten das genau, weil sie gezielt arbeiteten, schön, ohne die Stadt, die Gebäude zu beschädigen. Diese Angst, ich sage ja, sie beruhigte sich irgendwie, es war schon so ein Zustand: na ja, wenn sie kommen, mitnehmen, wegbringen, schlagen oder foltern werden, komme ich sowieso nicht raus. Schon dachten wir, dass wenn es dazu bestimmt ist zu geschehen, wenn sie mitnehmen, dann wird es so sein. Hier war alles nur in den Händen des Allerhöchsten. Wir beteten, dass es keine solchen Situationen gab, dass sie nicht in die Wohnungen einbrachen.
КА: Sie versteckten Ihren Sohn in Wohnungen, wechselten die Verbindung. Und Sie selbst, wie schützten Sie sich irgendwie?
БА: Ich, ehrlich gesagt, mich nicht. Erstens, weil es sehr viele von ihnen in der Stadt gab. Wir konnten nicht ins Zentrum fahren, obwohl es die Möglichkeit gab, aber wir vermieden überflüssige Wanderungen durch die Stadt. Wie man sagt, der Selbsterhaltungsinstinkt erlaubte das nicht zu tun. Wir gingen in unserem Viertel hinaus, versammelten uns irgendwo mit den Nachbarn, unterhielten uns, gingen zum Stadion spazieren, wo in der Nähe Schulen sind. Oder gingen in den nächsten Laden, wo noch unsere ukrainischen Waren verkauft wurden, kauften uns dort Nahrung, Zigaretten, Wasser.
КА: Und überhaupt mit Nahrung, mit Lebensmitteln, wie war die Situation?
БА: Erstens eröffneten sie hier ihre Läden, und die Preise waren sehr verrückt. Das ist erstens. Zweitens erlaubte uns auch der Patriotismus nicht, dort etwas zu kaufen. Wir wollten von dort nicht mal kostenlos, das heißt, wir nahmen keine humanitäre Hilfe, die sie angeblich austeilten – unsere Waren, die in den geschlossenen Läden waren, sie luden sie einfach in Lkws und taten so, als ob das ihre humanitäre Hilfe wäre. Wir kauften unsere, das, was Leute aus den Siedlungen brachten: hausgemachte Milch, etwas Fleisch, alles, was verkauft wurde, sagen wir so, auf dem spontanen Markt.
КА: Und gab es viele spontane Märkte in Cherson?
БА: Nein, ich sage Ihnen so, nach Mikrorayons gab es welche. Es gibt große Märkte, sie arbeiteten, aber arbeiteten nicht voll, sondern arbeiteten sehr wenig. Bevor sie den Rubel einführten, arbeiteten die Märkte noch, und als sie schon Rubel einführten, weigerten sich viele Leute, für Rubel zu arbeiten. Ich persönlich hielt sie nie in den Händen. Überall zahlten wir mit unserer, ukrainischen Währung. Und dann begannen sie durch die Märkte zu gehen, den Verkäufern zu sagen, dass sie nur mit Rubeln arbeiten sollen. Bei jemandem nahmen sie die Ware weg, jemandem drohten sie. Aus solchem Grund begannen irgendwo die Märkte sich zu schließen, jemand begann zu arbeiten. Als sie sahen, dass es sinnlos war den Bewohnern zu sagen, dass sie Rubel benutzen sollen, beruhigten sie sich schon, ließen das etwas laufen. Solche Tage hatten wir, solche Momente durchlebten wir.
КА: Und versuchten Sie nicht nach der Entführung des Sohnes aus Cherson auszureisen? War das überhaupt möglich? Und was dachten Sie darüber?
БА: Erstens, ich hatte anfangs die Möglichkeit wegzufahren. Aber ich wollte nicht. Warum sollte ich meine Heimat, mein Zuhause verlassen? Meine Kinder sind hier aufgewachsen. Ich wollte nirgendwo hinfahren, ich finde nicht, dass ich hätte ausreisen sollen. Ich hatte es nicht mal vor. Ich bemühte mich ständig, dass mein Sohn ausreiste, der sich auch weigerte. Ihm wurden zu dem Zeitpunkt 18 Jahre, im März waren es schon 18 Jahre, und das verstärkte meine Sorgen. Hier gab es Gespräche, dass sie eine Mobilisierung der örtlichen Bewohner beginnen. Das führte natürlich wieder zu Angst in mir, ständige Gedanken, Sorgen. Und so, ich hatte es nicht vor, ich wartete bis zum Letzten, ich wusste, dass sie uns früher oder später zurückerobern würden. Denn bevor sie Cherson zurückeroberten, eroberten sie Charkiw zurück, kamen praktisch bis zur Grenze, und Charkiw ist eine riesige Stadt (Anmerkung: der Held verssprach sich, die Streitkräfte der Ukraine befreiten nicht Charkiw, sondern den besetzten Teil der Oblast Charkiw). Wenn sie solche Orte zurückeroberten, dann werden sie Cherson natürlich auf jeden Fall zurückerobern. Wir warteten. Ich habe Freunde [Militärs], die vor Cherson standen. Solange unsere Verbindung funktionierte, Vodafone, "Kievstar", Life, hielten wir ständig Kontakt mit ihnen, halfen ihnen irgendwo etwas. Wenn sie es brauchten, fragten sie, wir versuchten herauszufinden, irgendwie etwas zu helfen. Wir wussten genau wo sie sind und wann sie schon reinkommen würden, ungefähr stellten wir uns das vor. Sie sagten nicht, dass konkret "wir kommen in einer Woche, in zwei rein". Sie unterstützten uns, sagten ständig, dass wir großartig sind, wir halten durch, das bedeutet für sie viel, dass das Chersoner Volk auf sie wartet.
КА: Und hatten Sie keine Angst, mit ukrainischen Soldaten zu schreiben?
БА: Natürlich, es war bange, sehr war es bange. Nach jedem Schriftverkehr, nach jedem Anruf begannst du automatisch dazusitzen dich aufzuregen – und wenn sie orten, und wenn sie irgendwo abhörten. Sie werden kommen, mitnehmen... Das führte konkret zu Angst.
КА: Aber niemand kam wegen Ihnen, das heißt, alle Ihre Gespräche blieben Ihre?
БА: Ja, weil wir VPNs anschlossen, das heißt, nicht ein VPN, sondern zwei-drei VPN gleichzeitig schlossen wir an, damit unser Standort nicht bestimmt wurde. Wir versuchten auf jede Weise irgendwelche Umgehungen zu machen.
КА: Und Ihr Sohn, dem im März 18 wurde, er reiste so auch nicht aus Cherson aus, ja?
БА: Nein, er ist jetzt, im Moment, hier. Bei uns beginnen Züge zu fahren, ich schicke ihn am 23. nach Kiew, damit er sich in Kiew beim Wehrkreiskommando registriert. Dort wird der Staat schon sehen, wohin sie ihn schicken, wo er dienen wird. Er selbst drängt dazu, er drängte auch dazu. Er will sofort, sobald er in Kiew einfährt, meine Verwandten werden ihn dort abholen, mit Wohnung versorgen, und dann wird er sofort zum Wehrkreiskommando gehen, sich registrieren. Er hat sehr viele würdige Freunde. Ich erzog meinen Sohn so, wie mein Vater mich erzog, nach unseren Bräuchen, nach kaukasischen, mit Respekt vor allem. Er ist bei mir Sportler, beschäftigt sich seit Kindheit mit Sambo, fuhr zu Wettkämpfen überall in der Ukraine. Er sagt mir: "Papa, ich bin dein Dschigit". Deshalb wird er auf jeden Fall zur Registrierung gehen, und weiters werden sie schon bestimmen, wo er dienen wird. Auf jeden Fall wird er seine Bürgerpflicht dem Staat gegenüber erfüllen.
КА: Und wann entschied er, dass er dienen gehen wird?
БА: So weigerte er sich nicht, er sprach immer davon. Er lernte hier an der Meeresschule, Seefahrtsschule, er lernte als Schweißer. Sogar damals sagte er: "Sobald ich die Ausbildung beende, werde ich mich für die Hochschule bewerben, die Qualifikation per Fernstudium heben, und sofort in die Armee gehen. Erst nach der Armee werde ich über meine Zukunft nachdenken, wie sie sich gestalten wird".
КА: Wirklich ein Dschigit. Kehren wir ein wenig zu Cherson und dem Moment der Entbesetzung zurück. Sie kontaktierten bekannte Militärs, soweit ich verstehe, und stellten sich ungefähr vor, dass jeden Moment die Entbesetzung geschehen könnte. Können Sie erzählen, wie der Moment der Entbesetzung ablief?
БА: Sehen Sie, all diese Momente lasen wir im Telegram-Kanal des Chersoner, schauten Fotos, es gab Aufnahmen, als unsere zum Beispiel aus 10 Kilometer Entfernung nachts unsere beleuchtete Stadt fotografierten und sagten: "Jungs, wir sind schon zu Hause, ein bisschen bleibt noch, haltet nur durch, erduldet, brecht nicht zusammen, wir sind schon nah". Solche Nachrichten erregten uns stark, noch stärker, wir überlebten das Gefährliche, wir wussten, dass unsere Soldaten die Stadt nicht beschießen würden. Wir wussten, dass wenn unsere hereinkommen, automatisch Evakuierung der Stadt nötig sein wird, Hilfe für die Zivilbevölkerung. Das alles geschieht jetzt, im Moment. Diese Sachen, sie gaben uns riesige Hoffnung. Unser Glaube, er wurde noch größer, dass heute-morgen, das heißt das ist eine Frage der Zeit, und sie werden uns von diesem Joch befreien, von dieser Aggression befreien. Und es geschah so: früh morgens, es war 9 Uhr morgens. Ich mit meinem Landsmann, wir gingen einfach hinaus, mein Haus liegt... Da weiß ich nicht, hörten Sie die Explosion oder nicht...
КА: Ja.
БА: Jetzt sind Explosionen hörbar.
КА: O Gott...
БА: Ja, ich sitze im Auto und unterhalte mich mit Ihnen.
КА: Und ist es für Sie sicher?
БА: Sie wissen, jetzt zu sagen, dass es irgendwo sicher ist, werde ich nicht lügen.
КА: Ja, das ist wahr.
БА: Ich bin ein abergläubischer und an Gott glaubender Mensch. Ich habe diese Meinung: wenn es bestimmt ist, laufe ich nirgendwo weg, wo ich mich auch verstecke, wo ich auch sitze, was ich auch tue. Ich habe so ein Kriterium. So also, mein Haus liegt, wo ich wohne, von zwei Seiten, in 10 Metern die Hauptstraße, die Straße. Wir saßen morgens im Hof mit dem Landsmann, besprachen, wie üblich, die Nachrichten, was geschah, unterhielten uns, telefonierten, in benachbarte Dörfer riefen wir an, wo unsere Freunde sind, Landsleute sind. Wir tauschten Informationen aus, wo welche Situation ist. Da hören wir einfach ein rasendes Signal, das heißt ein ununterbrochenes Signal, Schreie der Menschen. Als wir schon zur Straße hinausgingen, sahen wir einen Pickup, militärischen Pickup, wo zwei Soldaten hinten saßen, sie hielten zu zweit die ukrainische Flagge. Und sie fuhren durch diese Hauptstraße, bei uns hier ist ein großer Kreis, sie machten um den Kreis zwei Kreise, das Volk jubelte, wir hatten Tränen, Freude, wir schrien, applaudierten. Und dann sagte ich dem Landsmann, ich entschied, dass ich ihnen nachfahren werde.
КА: Mit Ihrem Auto?
БА: Ja. Wir stiegen in mein Auto, ich fuhr auf die Straße, fand sie und fuhr ihnen nach. In dem Moment, als wir ihnen nachfuhren, damit Sie verstehen, gab es keine solchen Straßenschießereien, Explosionen in der Stadt, das alles geschah seit dem Morgen, völlige Stille war. Und als ich ihnen nachfuhr, hupten die Leute, in der Stadt fuhren wir durch die Hauptstraßen... (Explosion) Die Menschen schrien, applaudierten, pfiffen, riefen "Ehre den Streitkräften der Ukraine!", "Ehre der Ukraine!". Ich, dicht an ihnen fahrend, sagte dem Landsmann, ich sage: "Gott gebe, dass das keine Provokation von russischer Seite ist, denn wenn das eine Provokation ist, dann kannst du davon ausgehen, dass wir nicht mehr sind, sie werden uns einfach vom Pickup aus erschießen". Aber ich blieb nicht zurück. Ich sagte: "Willst du, ich halte an, du kannst aussteigen, aber ich fahre ihnen nach, wie auch immer es sei. Wenn das eine Provokation ist, dann ist es so bestimmt. Wenn das unsere Jungs sind, wirklich von den Streitkräften der Ukraine, Gott sei Dank, ich steige aus, gebe ihnen die Hand, umarme sie". Wir kamen zur Kirow-Straße, wo sich die Hauptverwaltung der Polizei der Stadt befindet. Wir stiegen aus, und der Soldat nahm die Flagge und ging sie aufhängen. In dem Moment bot ich ihm meine Schulter an, hob ihn auf die Schultern, wir hängten die Flagge auf, Tränen in den Augen, Freude, das ist so ein unbeschreibliches Gefühl, wissen Sie... Nachdem wir die Flagge aufgehängt hatten, stiegen sie ins Auto, wieder durch die Hauptstraßen, ich fuhr ihnen wieder nach. Wir fuhren auf die Straße hinaus, die in den Bezirk Beryslav führte, das ist die Umgehungsstraße von der Stadt, sie bogen auf die Beryslaw-Straße ab, ich bog ab, hupte, wir winkten einander zu, und ich bog schon in die Stadt ein. Als ich wieder zu meinem Mikrorayon zurückfuhr, schaue ich, vorn fahren noch vier unserer Autos, Pickups mit Maschinengewehren, unsere Soldaten. Ringsum Schreie, rundherum hupen alle... Ich weiß nicht, das ist, das ist überhaupt, das war so... Wieviel Freude im Leben es gab: und Kinder wurden geboren, und Hochzeiten, und dies und das, nahe Freunde, irgendwelche Begegnungen – solche Freude gab es noch nicht. Der Kleine weinte und der Erwachsene, und der Junge und der Alte, alle weinten vor Freude, alle sprangen, alle umarmten einander.
КА: Welches Glück!
БА: Den ganzen Tag an diesem Tag... Natürlich fuhren sie dann zu uns zum Verwaltungsgebäude, hängten dort die Flagge auf. Das Volk versammelte sich, überall Flaggen, unsere Truppen kamen, begannen sich mit allen Menschen zu umarmen, allen zu sagen, dass "endlich, wir sind froh". Den ganzen Tag, das dauerte ein paar Tage so, die Emotionen gingen natürlich über in diesem Moment.
КА: Und verstehe ich richtig, dass die Flagge, die sie am Gebäude der Polizeiverwaltung aufhängten, die hatten die Militärs dabei, ja, das ist ihre Flagge?
БА: Ja, die war bei unseren Militärs, die kamen. Das ist die erste Flagge, die in der Stadt aufgehängt wurde.
КА: Wow!
БА: Das ist die allererste Flagge, die in der Stadt aufgehängt wurde. Dann erst begannen schon die Leute die russischen Flaggen, Banner zu reißen, überall unsere, ukrainische Flagge aufzuhängen, alle gingen mit Flaggen. Das war die allererste Flagge der Stadt. Das ist eine riesige Ehre für mich, ich danke dem Allerhöchsten, dass er mich der Ehre würdigte, meine Schulter dem tapferen Krieger der Streitkräfte der Ukraine anzubieten, damit er diese herrliche Flagge aufhängt.
КА: Die allerbeste, ja. Sie mit diesem Militär, dem Sie die Schulter darboten, unterhielten Sie sich mit ihm überhaupt über etwas? Schafften Sie es, ihm etwas zu sagen?
БА: Nein-nein, wir unterhielten uns nicht, weil das alles in der Freude geschah, ständige Eile, sie konnten ja nicht stehen und sich unterhalten, sondern weiter irgendwo ihren Geschäften nach. Ich hielt sie nicht mal elementar auf, ich werde natürlich diesen Menschen finden und mich unbedingt mit ihm fotografieren lassen, ich werde mich mit ihm bekanntmachen, damit für die Zukunft, mit ihm befreundet sein, genauer gesagt befreundet sein. Nicht mal befreundet sein, sondern einfach Brüder sein.
КА: Ja, das ist so eine sehr starke Verbindung.
БА: Ich werde ihn unbedingt finden. Sie verstehen doch, jetzt wird große Geschichte geschrieben, neue Geschichte der Ukraine.
КА: Ja, das ist wahr.
БА: Das ist neue Geschichte der Ukraine für uns, für unsere zukünftigen Kinder, für die zukünftige Generation. Deshalb werde ich diesen Menschen unbedingt finden. Alles zu seiner Zeit, jetzt machen sie ihre Arbeit, sie sind beschäftigt und sie davon abzulenken sehe ich keinen Sinn.
КА: Wie verstanden Sie, dass das die allererste Flagge ist, die nach der Entbesetzung in Cherson erschien?
БА: Erstens fuhren wir durch die Hauptstraßen, das ist die Oblastwerwaltung, wissen Sie, das Verwaltungsgebäude, wo genau unsere Flaggen hängen. Wir fuhren an ihnen vorbei, hängten diese Flagge auf, das sind die wichtigsten Orte in der Stadt, wo die ersten Flaggen hängen. Und erst danach fuhren unsere Streitkräfte der Ukraine ein, und sie hängten schon an der Stadtverwaltung die Flagge auf, wo unser Präsident Wolodymyr Selenskyj hinkam, er trat dort auf.
КА: Und was geschieht jetzt mit dieser Flagge? Hängt sie dort, oder vielleicht nahmen die Militärs sie zur Erinnerung mit, wissen Sie nicht?
БА: Nein, alle Flaggen, die aufgehängt sind, sie sind alle an Ort und Stelle und hängen.
КА: Ich spreche periodisch mit Bewohnern von Cherson, mit denen es gelingt Kontakt aufzunehmen, einige von ihnen versteckten etwas, irgendwelche ukrainische Symbolik, während sie in der Besetzung waren. Hatten Sie etwas derartiges? Zum Beispiel, irgendeine Flagge im Garten vergraben oder so etwas. Versteckten Sie irgendwelche ukrainischen Symbole während der Besetzung?
БА: Ich sage Ihnen, dass das ukrainische Volk, es ist sehr patriotisch, und in jedem Haus, bei jedem Bewohner gibt es sogar eine kleine Flagge der Ukraine, die alle auf jede Weise zu verstecken suchten. Nicht weil es bange war, denn wir alle wussten, dass sie uns befreien und, wenn sie uns befreien, werden diese Flaggen stolz in unseren Händen sein. Zu dem Zeitpunkt, ja und sogar jetzt, ist das das Nächste, Naheste, was uns wärmte. Wie wir das alles auch nicht durchlebten, diese Flagge, sie beruhigte, sie munterte uns auf, sie gab uns die Chance, dass "wartet, hauptsache haltet durch und alles, alles wird gut". Riesigen, riesigen Dank, riesige Dankbarkeit natürlich den Streitkräften der Ukraine, den Streitkräften der Ukraine, allen Jungs, allen Soldaten riesigen Dank für alles, was sie tun und taten. Und natürlich ewiges Gedächtnis den Jungs, die auf den Feldern fielen, ihr Leben für jeden Zentimeter ihres Landes hingaben. Ewiges Gedächtnis und Ehre.
КА: Ja, absolut, den Helden Ehre! Als Sie die Flagge hängten, als Sie die Militärs trafen, als Sie die Streitkräfte der Ukraine trafen, können Sie versuchen sich etwas detaillierter an Ihre Gefühle zu erinnern? Was durchlebten Sie in dem Moment, als Sie auf die Ihren warteten, Sie stehen und hängen die erste ukrainische Flagge in Cherson nach der Besetzung auf?
БА: Erstens gingen die Emotionen so über, das war einfach irgendeine Explosion. Unabhängig vom Menschen fließen ständig Tränen der Freude. Das Adrenalin ging so über, dass es zittert, dass unglaublich, endlich warteten wir, da sind sie, unsere Stadt! Wir verstanden dann schon, dass da alles, der Moment kam, als unsere endlich uns zurückeroberten und wir frei sind, wir sind wieder in unserem Land, auf unserem Boden. Tränen, sie waren ununterbrochen. Natürlich ist das für mich auch Stolz. Ich bin stolz, ich danke dem Allerhöchsten, dass er genau mich der Ehre würdigte. Im Grunde tat ich hier nichts Heroisches, aber...
КА: Na wie?
БА: Für mich als Aserbaidschaner ist das Stolz, weil wieder einmal wir, Aserbaidschaner, mit irgendwelchen unseren Taten, Handlungen, wir wollen ständig... Als Brüder, und wollen, dass wir es bleiben, dass unsere Länder weiters in jedem Bereich sich steigern, sich nähern, sei es politisch, sei es wirtschaftlich. Es ist zu wünschen, dass sie weiterhin so eng befreundet bleiben. Natürlich riesigen Dank auch unserem Präsidenten Aserbaidschans Ilham Heydar oglu Aliev dafür, dass die brüderliche Republik nicht abseits blieb, auf jede Weise half mit humanitärer Hilfe, Medikamenten, Treibstoff. Riesigsten Dank ihm dafür. Aber ich denke, dass bei uns noch alles vor uns liegt, natürlich. Bald werden sich alle unsere Länder zurückerobern, einschließlich eurer Länder. Und der Kaukasus wird in seine Zusammensetzung zurückkehren, auf seine Länder, auf seine Grenzen, und die Ukraine. Ich denke, dass unsere Länder sich noch mehr nähern werden. Riesigen Dank den georgischen Jungs, riesigsten Dank dieser "Legion". Ich bin Kaukasier, für mich ist das riesiger Stolz, ich bin stolz auf sie. Der Kaukasus bewies wieder einmal und bewies immer, dass er niemals Fremdes nimmt und Seines nicht hergibt, und wir zu brüderlichen Ländern, zu Nachbarn, verhalten uns sehr gutmütig, brüderlich. Wir sind bei uns in der Heimat immer froh das ukrainische Volk zu sehen, und das georgische Volk. Wir sind jedem Volk froh. Riesigen Dank, riesige Dankbarkeit ihnen, dass das georgische Volk und georgische Jungs, Kämpfer auch...
КА: Ja, kämpfen auch für die Freiheit.
БА: Ja, in diesem Krieg kämpfen sie, geben ihr Leben hin, die, die starben, ewiges Gedächtnis und Ehre.
КА: Ewiges Gedächtnis, ja. Kann ich etwas zur Entbesetzung von Cherson zurückkehren?
БА: Ja.
КА: Ja, ich wollte noch fragen. Sie sagten, dass Sie alle irgendwelche Symbole der Ukraine hatten, die halfen irgendwie mehr zu glauben. Was hatten Sie? Können Sie sich erinnern, welchen, vielleicht hatten Sie so einen Gegenstand, der die Seele wärmte?
БА: Sogar dieselbe Flagge.
КА: Und wo war sie bei Ihnen?
БА: Sie lag bei mir zu Hause, ich versteckte sie in Kindersachen. Ich versteckte sie in der Kleidung meiner kleinen Tochter, der 5-jährigen, in der Hoffnung darauf, dass, wenn sie sogar hereinkommen, die Tür aufbrechen oder ich die Tür öffne und sie hereinkommen, beginnen die Wohnung zu durchsuchen, dachte ich, dass vielleicht ihre Ehre es nicht erlaubt Kindersachen anzurühren.
КА: Und in welchem Moment versteckten Sie die Flagge?
БА: Wir versteckten die Flagge, als sie schon vollständig die Stadt besetzt hatten, begannen schon durch die Wohnungen zu gehen, irgendwo Türen aufzubrechen, sich einzuquartieren. Als schon Kollaborateure zu erscheinen begannen. In dem Moment wusste schon jeder, hörend, dass solche Handlungen geschehen, schon dass man verstecken muss. Man muss es irgendwie machen, dass auch wenn sie hereinkommen, wenigstens dass sie nichts finden. Damit Sie verstehen, wenn sie sogar hereingekommen wären, hatte niemand eine Vorstellung, was mit ihm weiter geschehen würde. Sie nehmen mit sich mit oder werden zu etwas zwingen. Darüber erriet niemand. Alles konnte man erwarten.
КА: Und Ihre Flagge, die Sie in den Kindersachen versteckten, was ist mit ihr jetzt? Sie holten sie heraus?
БА: Ja.
КА: Hängten Sie sie irgendwo auf? Ach, entschuldigen Sie, Sie verschwanden. Ich hörte nichts. Ich hörte nur "ja", und danach nichts.
БА: Hier wird einfach geschossen. Das ist wenn diese Explosionen...
КА: O mein Gott...
БА: Die Luftabwehr arbeitet, dann geht die Verbindung manchmal verloren. (Verbindungsunterbrechung) Sein Verhalten halte ich für würdig, und ich bin stolz darauf, deshalb gab ich sie auch und sagte, dass er sie hüten soll.
КА: Ach, und ich hörte nicht, wem Sie sie gaben, gerade da brach die Verbindung ab.
БА: Meinem jüngsten Sohn, den sie mitnahmen.
КА: Ach! Ah, der in die Armee dienen geht?
БА: Ja-ja. Ich gab sie ihm und sagte, dass er sie hüten soll. Dass er diese kleine Flagge in Zukunft seiner Generation weitergibt, seinen Kindern.
КА: Und wie reagierte er?
БА: Na, Freude, natürlich. Freude war bei ihm, riesige Freude, besonders nachdem er erfuhr, wie ich sie versteckte. Für ihn ist das Freude, für ihn auch Ehre, dass ich ihm diese Flagge anvertraute.
КА: Sehr schöne Geschichte, sehr kaukasisch schöne Geschichte. Boris, und können Sie mir erzählen, was jetzt mit den Explosionen in der Stadt geschieht? Ich höre, wie im Hintergrund ständig explodiert. Ich weiß nicht, ob das Luftabwehr ist oder nicht, natürlich kann ich das nicht bestimmen. Wie ist überhaupt die Situation mit den Explosionen?
БА: In der Stadt ist jetzt die Lage nicht kritisch, sagen wir so. Es gibt Einschläge in die Stadt, es gibt in private Sektoren, es gibt in Gebäude, aber unsere Jungs arbeiten, und die Luftabwehr arbeitet gut, Gott sei Dank. Sie machen ihre Sache. Im Moment haben wir, in Cherson befindlich, hier Evakuierungsbusse organisiert, Menschen, die im Transit fahren, können Leute mitnehmen, Ausreise nach Kiew, nach Mykolajiw gibt es schon. Aber trotzdem, wir überlebten Repression und fuhren nicht weg, und bei unseren Jungs wollen wir überhaupt nicht wegfahren. Wenn es nötig sein wird und sie den Bewohnern von Cherson sagen, dass man ausreisen muss, Evakuierung erforderlich ist, werden wir natürlich nach Mykolajiw, nach Odessa ausreisen, um sie nicht bei der Arbeit zu stören und damit sie sich weniger Sorgen um die örtliche Bevölkerung machen. Sie haben genug eigene Sorgen.
КА: Und gibt es in der Stadt Einschläge?
БА: An den Stadträndern gibt es welche, ja, dort gibt es Treffer. Aber, Gott sei Dank, ohne Opfer.
КА: Gott gebe, so wird es bleiben.
БА: Es gibt Verletzte, natürlich, von der Zivilbevölkerung, das heißt, das ist durch Splitter, ja, Einschlag von Splittern. In der Stadt selbst ist bisher, Gott sei Dank, alles gut. In die Stadt gibt es keine solchen konkreten Einschläge. Es gibt entlang des Dnipro-Ufers.
КА: Es sind jetzt schon 10 Tage seit dem Moment der Entbesetzung vergangen, etwas mehr sogar. Können Sie versuchen mir zu erzählen, wie sich das Leben veränderte? Ich verstehe, dass kardinal, aber versuchen Sie zu erzählen, wie Cherson, das wieder nach Hause zurückkehrte, wie es lebt, wie Sie das empfinden?
БА: Es veränderte sich das, dass erstens die Bewohner der Stadt, die Bevölkerung sich endlich beruhigten, es gibt schon keine solche Angst. Die Stadt wurde lebendig, die Menschen bewegen sich schon frei – mit Autos, zu Fuß. Eine riesige Kolonne geht täglich mit humanitärer Hilfe: Wasser, Essen, Kleidung – das alles kommt aus Mykolajiw, kommt hierher. Das einzige Problem der Stadt im Moment – es gibt keinen Strom und kein Wasser. Wasser fahren wir selbst in die nächste Siedlung, wo Pumpen in den Höfen stehen, von dort schöpfen wir, bringen in Kanistern, verteilen an die Nachbarn, verteilen Wasser an Bedürftige. Es gibt einfach keinen Strom und kein Wasser. Sie sagen, dass schon repariert wird, ein paar Tage und schon versprechen sie Strom und Wasser zu geben. Wenn es Strom und Wasser geben wird, ist das Problem der Stadt praktisch behoben.
КА: Und emotional?
БА: Emotional? Na, ich nehme sogar mich selbst – so ein, wissen Sie, Schockzustand, wie berauscht, es ist nicht zu glauben. Das Gefühl, dass lange Zeit irgendwo am Körper ein Punkt schmerzt, ständig juckt, ununterbrochen. Und er hört plötzlich auf zu schmerzen, du empfindest ihn nicht, und dir ist schon unbehaglich davon, dass du dich schon daran gewöhntest, dass er lange Zeit juckte. Jetzt juckt er nicht und dir ist ungewohnt, du denkst ständig an ihn. So ein Gefühl, dass es nicht zu glauben ist. Diese Freude, diese Emotionen, dieses Adrenalin, es lässt nicht nach. Elementar sogar einfach setzt du dich ins Auto und fährst durch die Straßen, durch das Zentrum der Stadt, durch die Stadtränder, wo du schon lange nicht warst. In diesen 9 Monaten gibt es Gässchen, die schön gepflegt waren, mit Blumen, Zäunchen. Du warst dort nicht, als die Aggression war. Und jetzt fährst du vorbei, natürlich ist das ein unbeschreibliches Gefühl, einfach unbeschreiblich. Und kann ich Ihnen eine Frage stellen?
КА: Ja, natürlich.
БА: Sagen Sie bitte, ich schickte Ihnen das vollständige Video, wo wir die Flagge hängten. Wird dieses Video irgendwo gezeigt?
КА: Wenn Sie mir die Erlaubnis geben, dann ja.
БА: Na, warum denn nicht?
КА: Ich wollte es gerade sehr, weil dieses Video ziemlich stark die Runde machte. Wenn Sie nichts dagegen haben, würde ich natürlich sehr gerne, weil na das sind einfach Tränen...
БА: Ich sage Ihnen etwas anderes. Das Video, das in demselben Telegram die Runde machte, es wurde nicht in vollem Umfang gezeigt, wie dieses. Dort wurde gezeigt, als ich schon unseren Kämpfer von den Schultern herunterließ, als wir schon aufgehängt hatten. Dieses Video, es kam zum ersten Mal nur zu Ihnen, aus der Presse...
КА: Ah! Ach, wie toll! Vielen Dank!
БА: Kam in Kiew an, mir riefen gestern unsere Korrespondenten aus Aserbaidschan an, kam zu ihnen. Was ich Sie bitten wollte? Wenn Sie können, wenn Sie nichts dagegen haben, ich wollte ein Foto meines Sohnes schicken...
КА: Natürlich. Und Ihres, wenn möglich. БА: Ja, ich schicke Ihnen drei Fotos, wo ich mit meiner Frau und mit meiner Tochter bin, separat wo ich mit meiner Frau bin, und meinen Sohn separat.
КА: Ja, gut. Und noch – wie heißt Ihr Sohn?
БА: Er heißt Jemeljanov Ruslan.
КА: Schöner Name.
БА: Jemeljanov Ruslan Borisowitsch. Sind Sie verheiratet?
КА: Ja.
БА: Ich wollte Ihnen sagen, dass Sie, nachdem Sie das Foto gesehen haben, unbedingt ihn kennenlernen wollen werden.
КА: Na, sehen Sie, mein Herz ist schon besetzt.
БА: Einfach ein Adler, einfach ein Adler.
КА: Ich zweifle nicht daran, dass er ein Adler ist.
БА: Ich wünsche Ihnen Glück, starke Liebe, starke Familie, friedlichen Himmel.
КА: Und Ihnen, hauptsächlich, friedlichen Himmel.
БА: Und dass Sie immer fröhlich sind, und Prosperität in Ihrer Arbeit, natürlich, riesige Prosperität.
КА: Vielen Dank! Ich wünsche Ihnen friedlichen Himmel, dass Cherson sich so schnell wie möglich wieder aufbaut, dass die ganze Ukraine bald in diesem Krieg siegt. Das ist natürlich das Wichtigste, und dass Ihre Familie alles gut hat.
БА: Vielen Dank. Und sagen Sie bitte, nach der Veröffentlichung...
КА: Natürlich, ich schicke Ihnen sofort den Link.
БА: Sie schicken mir entweder den Link, oder werfen ihn mir auf WhatsApp rüber, ja?
КА: Natürlich. Sobald das Material rauskommt, schicke ich es Ihnen sofort. Und sagen Sie bitte, Boris, wie soll ich Sie beruflich richtig bezeichnen, wenn Sie das möchten?
БА: Beruflich? Na, welchen Sinn macht es, mich zu bezeichnen, ich bin ein gewöhnlicher Taxifahrer.
КА: Gut, gut. Boris, vielleicht wollen Sie mir etwas sagen, wonach ich Sie nicht gefragt habe?
БА: Wonach Sie mich nicht gefragt haben?
КА: Ja, über den Krieg, über die Entbesetzung, über die Besetzung. Vielleicht gibt es etwas, was Sie sagen wollten?
БА: Nein, darüber habe ich schon alles erzählt, glaube ich. Ich sage Ihnen eins.
КА: So.
БА: Gott gebe es, wenn das alles vorbei ist, meine Nummern, ich benutze sie schon 13–15 Jahre. Ich möchte, dass Sie sie aufbewahren, und wenn das alles vorbei ist, wenn die Ukraine endlich alle Gebiete zurückerobert und der Krieg vorbei ist, erwarte ich Sie unbedingt zu Besuch.
КА: Ich komme unbedingt nach Cherson!
БА: Ich verspreche Ihnen, dass ich persönlich Sie überall hinfahren werde.
КА: Dann habe ich keine Chance, nicht zu kommen.
БА: Ich zeige Ihnen zeige Ihnen alles: Odessa, Kiew, Mykolajiw, die Westukraine. Ich zeige Ihnen überall alles.
КА: Natürlich! Ich liebe die Ukraine sehr, ich habe Schwestern in Odessa.
БА: Nur eine Bedingung, dass Sie mir als Kaukasier einem Kaukasier das Wort geben, dass Sie, wenn das alles vorbei ist, unbedingt kommen.
КА: Natürlich! Als erstes komme ich! Wirklich. Ich habe ja Schwestern in Odessa, deshalb hier ohne Chance.
БА: Na überhaupt wunderbar. Vielen Dank für das, was Sie tun!
КА: Boris, vielen Dank für das Interview! Glück Ihrer Familie! Und möge alles gut werden!
БА: Ja, gegenseitig. Und jederzeit stehe ich zu Ihren Diensten.
КА: Vielen Dank! Schreiben Sie auch, wie es Ihnen geht.
БА: Wenn etwas interessant sein wird, eine Frage oder noch etwas, schreiben Sie schon auf WhatsApp. Wenn es kein Internet gibt, auf jeden Fall erscheint es, ich antworte Ihnen.
КА: Ja, gut. Vielen Dank, danke!
БА: So, auf Wiedersehen.
КА: So, in Verbindung.
БА: Jetzt schicke ich Ihnen die Fotos rüber.
КА: Ja-ja, vielen Dank, ja, werde warten! So, alles Gute!
БА: So, auf Wiedersehen, bis zur Verbindung.
КА: In Verbindung. Alles Gute.
БА: Auf Wiedersehen, alles Gute.