Ich weiß wirklich nicht, was sie erwartet haben
Bewohner Chersons über die ersten Monate des Lebens in der besetzten Stadt
Eine Familie lebte 8 Monate im besetzten Cherson, und zwei Wochen vor der Befreiung der Stadt wurde sie nach Russland verschleppt
Eine Ukrainerin spricht darüber, wie ihre Familie acht Monate im besetzten Cherson lebte und sich um den kranken Großvater kümmerte, der ständig Insulin brauchte. Sie erzählt über den totalen Mangel an Medikamenten, den Verkauf von Sachen für Behandlung und über die Festnahme mit dem Mann nach einer Telefonkontrolle, über Verhöre und Schläge im Keller. Zwei Wochen vor der Befreiung wurde die Familie über das linke Ufer, die Krim und Russland verschleppt, wo sie ohne Geld und Möglichkeit der Heimkehr zurückblieben.
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Wir verkauften praktisch allen Schmuck, Technik aus dem Haus, teure Nischenparfums, Taschen, Schuhe. Verkauften, um dem Großvater Windeln zu kaufen und Medikamente.
Geld war buchstäblich überhaupt nicht da, den März lebten wir von 2000 Hrywnja (Anfang März sind das etwa 7000 Rubel, am Ende — etwa 5700 Rubel — Anm. d. Red.). Die Russen verteilten ihre humanitäre Hilfe. Anfangs hielten die Leute durch, aber dann gingen viele, gaben ihre Daten ab, um eine Dose Eintopf zu bekommen. Wir gingen dorthin nicht, wie hungrig es auch war.
Mit den Medikamenten war es sehr schwer, es gab Tauschgeschäfte, ein Medikament gegen ein anderes. Zum Beispiel gibt es ein Präparat für die Leber, — ich habe Probleme mit der Leber, — aber ich verstand, dass ich ohne sie auskomme, und dem Großvater werden Präparate zur Blutverdünnung jeden Tag benötigt. Und ich tausche das Leber-Präparat gegen ein Herz-Präparat, und dann tausche ich gegen ein Blut-Präparat.
Das Schwerste — es gab kein Insulin, der Großvater ist seit 2003 auf Insulin. Eine Spritze morgens und abends muss man machen. Das ist eine Quest, die ich nie vergessen werde, ich suchte es überall. Menschen, die es hatten, verkauften eine Spritze für 200 Hrywnja.
Im Sommer geschah mir und meinem Mann das, was alle Chersoner fürchteten: wir waren im Keller. Wir gingen am Promswjasbank-Filiale vorbei, ich nahm das Telefon heraus, scrollte etwas, die Wache kommt heraus: „Sie sind festgenommen“.
Wir: „Was ist denn eigentlich passiert?“ — „Jetzt wird eine Dokumentenkontrolle durchgeführt“. Sie führen uns in die Bankfiliale. Es kommen Menschen mit Sturmgewehren, schauen die Telefone an.
Beim Mann war es einfach sauber, und ich fotografierte viel aus dem Fenster. Wir wohnten hoch, ich filmte viel — ich liebe meine Stadt aufrichtig. Im Großen und Ganzen klammerten sie sich an diese Fotos, mich nannten sie Zielleitung, und uns brachte man in den Keller.
Sie brachten uns Gott sei Dank ohne Sack auf dem Kopf. Ich sah, wohin sie uns bringen, und betete zu Gott, dass nicht in den Keller des Gebäudes, wo früher der SBU war — dort geschah alles Schrecklichste. Wir waren in einem anderen Keller, das war ein Verwaltungsgebäude — das Berufungsgericht.
Mich versuchte man beim Verhör dazu zu bringen, dass ich irgendwie den Streitkräften der Ukraine half, dass ich Zielleitung sei. Ich sage: „Hätte ich, wenn ich geholfen hätte, nicht alles vom Telefon gelöscht?“.
Bei meinem Mann wandten sie Gewalt an, schlugen. Bei mir war dort eine stärkste Hysterie, ich brüllte, schrie. Mich haben sie doch wegen meines Telefons genommen, oder? Lasst sie mich schlagen, und nicht ihn.
[Den russischen Soldaten] war es egal, es waren Witze wie: „Schau, dass du nicht vor der Zeit den Löffel abgibst, du bist die Nächste“. Sie fragten, ob wir auf dem von der Ukraine kontrollierten Gebiet jemanden haben, dem wir helfen können, der im SBU dient und so weiter. Es ist klar, dass es solche Menschen gibt, aber wir sagten, dass nein.
Ich erinnerte mich an alle Gebete, die ich kannte, las den 90. Psalm aus dem Gedächtnis. Mein Glaube an Gott — nur er hielt mich.
Jemand [von den Soldaten sagte], dass wegen Leuten wie uns jemand dort in der „DNR“ leidet. Und hier half uns, dass mein Mann aus Luhansk ist. Ich sage: „Also, erzähl mir hier nichts, ich habe Verwandte, die in der ‚LNR' wohnen“.
Man fragte uns, ob wir russische Pässe haben. Wir sagen: „Wir haben gerade einen Antrag gestellt“. Diese Daten haben sie nicht, sie glaubten uns aufs Wort. Wir gingen natürlich nirgendwohin.
Danach ließ man uns frei. Wir verbrachten im Keller etwa sechs Stunden. Ich erinnere nicht, wie wir nach Hause kamen. Einfach zu Fuß kamen wir, ohne irgendetwas zu verstehen.
Ich saß zwei Wochen zu Hause. Dann begannen wir allmählich hinauszugehen, aber Soldaten waren überall. Bei mir gab es einige Male beim Anblick davon, wie Z-Autos parkten und aus ihnen Soldaten in voller Ausrüstung stiegen, eine Panikattacke.
Mir hat man einfach den Mund verschlossen. Das Telefon war immer zu Hause. Wir, Ukrainer, sind freiheitsliebend, und hier in diesen sechs-acht Stunden, die wir im Keller verbracht haben, hat man das alles weggenommen.
Am 19. oder 20. Oktober kam der Großvater mit einer ischämischen Attacke ins Krankenhaus. Gerade am 19. wurde verkündet, dass das rechte Ufer auf das linke Ufer evakuiert wird. Ich ging zum Endokrinologen des Großvaters: „Wie ist es mit Insulin?“ — „Gar nicht, wir nehmen alles und reisen aus“.
Dann ruft der Großvater an und sagt: „Wahrscheinlich muss man fahren“. Ich sage: „Wohin fahren, mein Goldener?“ — „Hier gibt es kein Insulin“. Man sagte ihm, etwa, Insulin werden Sie hier nicht finden, und dort ist es da.
In der Stadt gab es tatsächlich schon kein Insulin mehr. Bei uns blieb ein Vorrat für eine Woche.
Ich kam ins Krankenhaus. Mir wurde gesagt: „Sie haben zwei Wege. Entweder fährt der Großvater allein, man bringt ihn in ein Altersheim, oder Sie fahren mit ihm“. Ich sage: „SIM-Karten, die uns verkauft wurden, funktionieren nirgendwo. Es kommt heraus, dass ich mit dem Großvater keine Verbindung haben werde?“ — „Ganz richtig. Morgen um 8 Uhr ist das Boot, los“.
Wir werfen irgendwelche Sachen, fahren zum Großvater, packen seine Sachen. Und das war’s. Zuerst brachte man uns ans andere Ufer, dann mit dem Bus nach Dschankoj, dann mit dem Zug bis Anapa.
Vor der Grenze stieg ein Mensch in den Bus: „Bereitet euch auf die Filtrierung vor, damit nicht die ukrainische Seuche in unsere russische Krim eindringt“. Aber wir kamen ziemlich leicht durch die Grenze. Telefone, schauten sie nicht an.
Der Großvater ertrug die Reise sehr schwer. Es ging ihm schlecht. Bei mir hatte ich Pflanzentropfen, ich tropfte ihm sie.
Man brachte uns in einen Ort neben Anapa. Wir sind nahe am Meer, leben in Häuschen, man füttert uns, es gibt eine Kantine. Geld, um sich weiter zu bewegen, gibt es nicht.
Ich will sehr nach Hause zurückkehren. Ich glaube, dass sich eine Möglichkeit findet, von hier auszureisen, durch ganz Russland, Europa, zurück in die Ukraine zu kommen. Das alles kostet Geld, das früher völlig klein schien, aber jetzt ist es eine riesige Summe für uns.
Ich träumte davon, in meiner Stadt zu sein, wenn die Befreiung erfolgt. Wir kauften Einweggeschirr, um ukrainische Soldaten zu füttern. Wir verstanden, dass unsere kommen werden und sie mit etwas füttern muss. Mama machte Eintopfdosen, wir aßen sie nicht einmal in den hungrigsten Zeiten.
Ich weine jeden Tag.