Mama machte Eintopfdosen für die Streitkräfte der Ukraine, wir haben sie nicht einmal am hungrigsten Tag gegessen
Eine Familie lebte 8 Monate im besetzten Cherson, und zwei Wochen vor der Befreiung der Stadt wurde sie nach Russland verschleppt
Bewohner Chersons über die ersten Monate des Lebens in der besetzten Stadt
Mehrere Bewohner Chersons erzählen anonym, wie sie den Beginn der Besatzung erlebten. In ihrem Zeugnis — Angst, Leben in Luftschutzkellern, Mangel an Lebensmitteln und Medikamenten, gegenseitige Hilfe und Freiwilligen-Chats. Gesondert beschreiben sie die russische Propaganda, Durchsuchungen und Telefonkontrollen, sowie massive proukrainische Kundgebungen, die mit Gewalt aufgelöst wurden.
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Namen aller Helden geändert.
Darüber, wie alles begann.
Mychajlo: Mich weckte die Frau und sagte, dass etwas explodiert sei. Ich dachte, ihr scheint etwas vor Schlafmangel. Und dann hörte ich. Erstes Gefühl: völlige Erstarrung und Unwilligkeit zu glauben. Essen ist unmöglich, Schlafen auch, alles im Inneren wird auf den Kopf gestellt, die Psyche akzeptiert das Geschehende nicht. Es riefen Leute aus Russland an — sie glaubten nicht, dass der Krieg begonnen hatte. Die Hälfte der Leute, mit denen wir kommunizierten, die Freunde waren, wurden einfach Z-Aktivisten. Sie sagten uns „du bist Faschist, du bist Naziker“ — das sind Menschen, mit denen wir bekannt sind, mit denen wir zusammen gearbeitet und Tee getrunken haben. Wenn ein Mensch, mit dem du zehn Jahre bekannt bist, bittet, ein Video vor dem Hintergrund eines bombardierten Gebäudes zu drehen, um sich zu vergewissern, dass nicht alles Fake ist, wird einem unwohl.
Olena: Es war für die russische Armee nicht so einfach, in die Stadt einzurücken. In dieser Zeit sammelten sich sehr viele Männer in der Territorialverteidigung. Als die russischen Truppen in die Stadt einrückten, waren wir zu Hause — darauf bestanden unser Bürgermeister und die Burschen aus eben dieser Territorialverteidigung. Sie baten, die Ruhe zu bewahren und nicht hinauszugehen. Leider hörten nicht alle, und jene Burschen, die mit Molotow-Cocktails auf eine Kolonne der RF gingen, wurden getötet.
Mychajlo: Wir waren mit der Familie an diesem Tag bei Verwandten. Wir hörten, wie eine Panzerkolonne kommt, die Frau sagte: „So klingt der Tod“. Das Geräusch war schrecklich, alles bebte. Dann begannen sie, auf Häuser zu schießen.
Darüber, wie die Kinder reagierten.
Mychajlo: Zuerst sagten wir dem fünfjährigen Sohn, dass das ein Erdbeben sei. Es flogen Grad-Werfer, es flogen Kampfflugzeuge, das Geräusch war schrecklich. Am zweiten Tag sagten wir: das ist Krieg, Russland hat uns überfallen. Der Sohn nahm es normal auf, fürchtete sich aber natürlich. Wenn ein Kampfflugzeug flog, hielt er sich die Ohren zu und kuschelte sich in einen Knäuel zusammen. Wenn wir bombardiert wurden, gingen wir mit ihm in den Bombenschutz hinunter und besprachen alles. Dann kam es dazu, dass er anfing zu verstehen, was genau fliegt und in welchem Teil der Stadt.
Wika: Mein zweijähriger Sohn erschrak sehr, als wir in den Keller klettern mussten. Und dann waren wir auf der Straße, hörten eine Explosion, und er verstand sofort, dass man in Schutz muss. Ich erkläre ihm vorerst nichts, sage nur, dass „Onkel Bumm“. Wenn wir die Folgen einer Explosion sehen, sagen wir, dass „Onkels Sand vom Auto verstreut haben“. So Gott will, wenn das alles bald endet, werde ich es ihm erzählen, wenn er schon erwachsener ist. Wir werden Gedenktage haben, und es wird ein großes Gespräch geben.
Über die Situation mit Essen und Medikamenten.
Anna: Um Essen zu kaufen, muss man manchmal auch einen halben Tag in Schlangen stehen. In manchen Geschäften gibt es nur süßes Wasser, Senf und Bonbons. Brei und Fleisch zu kaufen ist schwer. Oft verteilen sie kostenloses Brot, heute verteilten sie den Kindern Joghurts. Freiwillige sind unser Ein und Alles. Ich stille das Kind — und das ist die Rettung. In den Geschäften haben sie alles aufgekauft.
Mychajlo: Es gibt Chats, wo Leute über Hilfsbedürftige schreiben. Es gibt Chats, wo geschrieben wird: „Hier kann man Eier kaufen“ — und alle fuhren dorthin, Eier zu kaufen. Wir standen Schlange, etwa 300-400 Personen, und kauften. Dasselbe über Obst, Milch, Brot, Fleisch. In großen Geschäften gibt es nichts, das größte Einkaufszentrum verbrannten sie in den ersten Tagen. In kleinen Geschäftchen kann man Käse, Reis, Gemüse kaufen. Manchmal öffnen sogar Märkte. Überhaupt ist das Leben jetzt — so eine ständige Quest auf der Suche nach Essen. Geschäfte beginnen zu schließen, weil es immer weniger Lebensmittel in der Stadt gibt. Die Menschen beginnen nervös zu werden und zu durchdrehen.
Olena: Medikamente — das ist das schmerzhafteste Thema. Am meisten fehlt es an Insulin, hormonellen Präparaten, Medikamenten für Herzkranke. Die Menschen teilen, was sie haben, sammeln in der Region.
Wika: Wir haben fast kein Insulin in der Stadt. Der Kanal des Chersoner Gebietsrats veröffentlicht Informationen darüber, welche Krankenhäuser arbeiten und wo wieviel Insulin da ist.
Iryna: Jetzt nimmt man allmählich russische Hilfe an. Aber die längste Schlange für humanitäre Hilfe ist nicht zu vergleichen sogar mit der kleinsten täglichen Kundgebung.
Olena: Das Volk reagiert sehr negativ auf diese „guten“ Taten: zuerst zur Hilflosigkeit treiben, indem man humanitäre Lkw nicht durchlässt, und dann helfen.
Über die Propaganda.
Olena: Sie brachten demonstrativ ein paar Lkw mit Lebensmitteln und Schauspielern. Es kamen Leute, die Onkel Wowa für die Gaben danken sollten, all das filmten sie. Aus den Bussen kletterten Großmütter, begannen Eintopfdosen zu nehmen und vor der Kamera „Danke“ zu sagen. Aber die Menschen gingen zur Kundgebung und behinderten, das schöne Bild zu zeigen — echte Chersoner mit Flaggen der Ukraine standen und schrien: Cherson ist die Ukraine! Diese Vorstellung mit Danksagungen sollte in euren Nachrichten gezeigt werden — bei uns gibt es jetzt nur russisches Fernsehen. Aber sie zeigten nicht, was sie filmten, sondern sagten nur, dass man sich in Cherson freue, die Retter zu sehen, und zeigten irgendeine andere Stadt. Wir verstanden, dass wir diesen Zirkus zerstört hatten.
Mychajlo: 13. März — Tag der Befreiung Chersons vom Faschismus. Sie brachten aus der Krim irgendwelche Großmütter, schleppten irgendwelche Säufer her, nahmen Flaggen der UdSSR. Diese Leute, etwa 30 Personen, gingen zum ewigen Feuer, schrien „Danke dem Großvater für den Sieg“. Russen drehten einen Clip, als ob die Leute Chersons sich freuten, dass sie vom Faschismus befreit werden. Sie waren so wenige, dass sie nicht einmal sicher hergeschafft wurden. In diesem Moment gingen auf der Hauptstraße Chersons etwa 5 Tausend Menschen mit Flaggen der Ukraine und versuchten zu zeigen, dass wir keine russische Welt brauchen. Ich war auf dieser Kundgebung — ich fühlte großen Stolz auf die Menschen, die hinausgegangen sind und zu zeigen versuchen, dass wir bei uns zu Hause sind.
Olena: Niemand glaubt der russischen Propaganda, nur ausgewählte und vom russischen TV geküsste schon lange vor dem Krieg. Sie denken bis jetzt, dass sie uns retten. Wir haben im Fernseher nur russische Kanäle, wir schauten sie ehrlich und lachten ehrlich, hassten ehrlich und beschimpften im Chor.
Über russische Soldaten.
Iryna: Soldaten teilen sich hier in zwei Typen — Orks und „höfliche Menschen“. Orks — böse Aufseher, hauptsächlich ist das SOBR, die entschieden, dass man hier seine Rechte ausüben kann, und Rosgwardija. Soldaten, die in eingenommenen Verwaltungsgebäuden leben, gehen überall mit Sturmgewehren und tun höflich. So, achten Sie nicht darauf, dass ich ein Sturmgewehr habe, ich kam zu euch in Frieden, helfe einer schwangeren Frau und einem Kind.
Wika: Wir hatten Glück, bei uns sind sie mehr oder weniger normal, ruhig, unsere Bezirksbesatzer, vielleicht einfach jung. Ich weiß nicht, wie sie verteilt wurden.
Mychajlo: Sie veranstalten Hausdurchsuchungen und Razzien gegen Leute, die ihnen besonders gefährlich erscheinen. Brechen Schlösser, brechen Türen auf und durchsuchen Leute, die entweder in der ukrainischen Armee oder in der Territorialverteidigung waren. Sie können um fünf Uhr morgens ins Haus eindringen und es umkrempeln. Bei mir gab es keine Hausdurchsuchungen, bei Bekannten — ja.
Iryna: Entweder reinige das Telefon vor dem Hinausgehen auf die Straße, oder ersetze es durch ein Reservetelefon. Auf der Straße sprich leise über sie, in der Stadt sind viele „Gäste“ in Zivil. Dieser Tage konnten wir nicht in unser Hochhaus, dort war eine Hausdurchsuchung, Telefone wurden bei fast allen meinen Bekannten geprüft. Im Wesentlichen ist die Stadt jetzt — ein großes Gefängnis.
Wika: Sie haben Anforderungen: zu zweit zu gehen, langsam, wenn Soldaten anhalten, dann muss man Dokumente zeigen, Ausgangssperre, mit dem Auto sehr langsam fahren, auf Anfrage unbedingt anhalten und Dokumente zeigen und was im Kofferraum ist. Und in Wirklichkeit kommt es so heraus, dass die Leute auf das alles geschissen haben.
Über die Haltung der Einheimischen zu den Soldaten.
Mychajlo: Russische Soldaten können nicht akzeptieren, dass Menschen sich frei verhalten und das Recht haben, ihre Wahl zu äußern. Sie versuchen sich so zu verhalten, wie sie sich dort, bei sich, verhalten. Und hier ist alles anders. Ich weiß nicht, was sie erwarteten, aber ich habe nicht einen einzigen Menschen gesehen, der zu ihnen gegangen wäre, sie mit Freude empfangen hätte, ihnen Blumen geschenkt hätte, sie umarmt hätte und überhaupt froh gewesen wäre, dass sie hier sind.
Olena: Ich weiß wirklich nicht, was sie erwartet haben, als sie zu uns kamen. Bevor sie in die Stadt einrückten und uns „retteten“, töteten sie unsere Soldaten, schlugen mit Grad-Werfern in Häuser von Zivilisten ein. Was sollen sie erwarten, es gibt nur Hass und Wut von unserer Seite.
Mychajlo: Ich gehe dieser Tage an einem Soldaten vorbei, er steht mit Sturmgewehr und diesem Buchstaben Z. Wir schauten einander an — er verstand alles und ich verstand alles. Ich weiß nicht, wie es bei ihm ist, aber bei mir kochte alles im Inneren. Ein Gefühl von Hass, der Wunsch, den Menschen zum Teufel zu schicken. Aber du kannst nichts tun, weil er in seiner Uniform mit Waffe steht. Und du bei dir zu Hause! Und er schaut dich verachtend an.
Über Kundgebungen.
Iryna: Das ist unsere Waffe. Und vor ihrer Waffe schützt sich niemand, wir haben einfach nichts. Russische Soldaten reagierten auf den Protest der Chersoner zuerst mit Schock, dann mit Wut — na, und hier, Ereignisse der letzten Tage — Abwehr, Tränengas, Blendgranaten, Schlagstöcke, Schüsse in die Beine. Die Aggression der Soldaten reizt unsere nur an, wir sind Maidan-Leute, meine Kindheit ist die orange Revolution, meine Jugend ist der Maidan. Jetzt bin ich vorsichtiger geworden, aber meine Freunde sind nur mutiger. Die Menschen, die zu Kundgebungen gehen (und es gibt sehr viele, kann man sagen mindestens 80% meiner Nahestehenden) — verzweifelte Köpfe, Mutigste, zu allem bereit. Diejenigen, die im Leben Feiglinge sind, wie ich, leben in Angst 24/7.
Mychajlo: Chersoner gehen offen zu Menschen mit Waffen und sagen, dass wir hier selbst klären werden, wir brauchen Russland und ihre „Rettung“ nicht. Früher war das normal, aber am 21. März veranstalteten sie eine Provokation — jemand schrieb auf das Denkmal der Himmlischen Hundertschaft (das sind Menschen, die auf dem Maidan umkamen), dass die Truppen der Ukraine — das Mörder von Kindern seien. Natürlich gingen die Menschen, diese Aufschrift abzuwischen — auf sie flogen Lärmgranaten, einem Menschen wurde ins Bein geschossen, sie begannen Menschen zu schlagen.
Über gegenseitige Hilfe.
Iryna: Der allgemeine Zustand jetzt in Cherson — einander mit allen Kräften zu unterstützen. Ohne „halt durch — ich halte“ wären wir schon zerbrochen. Wir beginnen nach wie vor jeden unserer Tage mit Anrufen und Korrespondenz mit Nahestehenden aus allen Ecken der Ukraine und allen Bezirken Chersons. Sonst kommt man nicht durch. Sehr stark werden wir alle von allem müde. Mir scheint, das ist irgendeine Stadie des Stresses, wenn du die Hand gehoben hast — bist du schon müde.
Anna: Die Menschen haben sich jetzt zusammengetan, helfen einander, viele Freiwillige. Die Menschen füttern Tiere und kümmern sich um sie, die jene zurückließen, die sich entschieden, sofort auszureisen. Die Menschen stellen Medikamente, Lebensmittel zur Verfügung, die sie teilen können, koordinieren einander über Waren, die zum Verkauf erscheinen, und so weiter. Wir sind so vereint wie nie zuvor.
Wika: Wir haben viele Kanäle in Telegram, Viber. In unserem Haus haben sich Männer in ihrem Chat organisiert, innere Riegel an jedem Aufgang angebracht. Wenn auf irgendeine Weise jemand eindringt, kommen die Männer sofort heraus.
Olena: Es gibt diejenigen, die die Stadt vor Plünderern patrouillieren, es gibt diejenigen, die für Kinder Sachen sammeln, diejenigen, die Lebensmittel und Medikamente an Adressen liefern. In den ersten Tagen brachten sehr viele Leute in Krankenhäuser Lebensmittel, Kleidung und Medikamente unter den Klängen von Explosionen und Sirenen. Wir schreiben jeden Morgen Nahestehenden, wie die Nacht verging. Wenn gut, dann ob sie nicht im Keller gefroren sind und ob sie Hilfe brauchen.
Über die Zukunft.
Iryna: Ich bin verzweifelt, dass ich nicht ausreisen kann. Ich habe viele Freunde in Europa, ich verkomme hier und weine, ich will einfach bis zu besseren Zeiten ausreisen, wenn Cherson wieder ohne den Buchstaben Z in der Stadt sein wird, ganz festlich und in Flaggen. Mir ist sehr schwer, in Angst und Schmerz zu leben. Mir geht es schlecht. Ich werde auf die Möglichkeit warten, abzuhauen, der Ukraine aus der Ferne zu helfen (so bin ich nützlicher, es gibt einen Plan), dann zurückzukehren und den Sieg zu feiern.
Anna: Plan ist, in Cherson zu bleiben, seine Wirtschaft zu entwickeln, seine Bewohner zu unterstützen, Kinder großzuziehen, unsere Häuser wiederaufzubauen, für die Streitkräfte der Ukraine zu beten und zu warten, wann jener wunderbare Morgen kommen wird, wenn die Mama mit den Worten weckt: „Tochter, Liebe, wach auf, wir haben gesiegt“. Und er wird unbedingt kommen.
Olena: Wir sind müde. Wir weinen über Nachrichten, aber hören auf, weil wir uns erinnern, wer das tut und wieviel wir dafür schon bezahlt haben. Im Inneren Agonie aus Hass auf den Feind und aus Liebe zu unserem Land, das ist auch mein Zustand. Aber wir verlieren nicht den Mut, wir haben Schwangere, Kinder, Großmütter. Es lohnt sich zu leben — Plan gibt es keinen, der Plan ist zu leben.