Der Text des Interviews aus dem Instagram-Beitrag
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Die Lage in den besetzten Gebieten hat sich im Vergleich zu dem, was zu Beginn des Krieges war, stark verändert. Es kamen neue Soldaten, einschließlich derer, die bei Kyjiw und in Butscha waren. Sie alle sind sehr niedergedrückt, böse, wie in die Ecke getrieben.
Im März-April gab es in Cherson aktive Proteste, Kundgebungen. Jetzt gibt es überhaupt keine Kundgebungen mehr. Das ist gefährlich. Auf den Straßen absolute neunziger Jahre, völlige Gesetzlosigkeit.
Ampeln funktionieren nicht, sehr viele zerschlagene Autos. Lebensmittelgeschäfte funktionieren, wo man nur elementare Lebensmittel wie Mehl und Grütze kaufen kann. Plünderungen gibt es hier nicht mehr, weil es nichts mehr zu plündern gibt. Geschäfte, die Haushaltsgeräte oder Kleidung verkauften, sind längst ausgeplündert, geschlossen und vernagelt.
Es funktionieren weder Theater noch Kinos noch Galerien. Alles, was ich kann — meine Arbeiten ins Internet stellen.
Der Krieg zwingt die Menschen erwachsen zu werden. Viele waren auf solche emotionalen Erschütterungen nicht vorbereitet. Ich war es auch nicht. Alles, was ich tat, drehte sich mehr um mich selbst, um meine Ambitionen. Jetzt ist es offensichtlich geworden, dass persönliche Ziele absolut zweitrangig sind im Vergleich zu dem, was rundherum geschieht. Ich glaube nicht mehr, dass Kunst losgelöst von der Gesellschaft und ihren Erlebnissen existieren kann.
Ich habe Künstler gesehen, die der Krieg gebrochen hat. Die erst jetzt erste Versuche machen, zur Arbeit zurückzukehren. Wenn man in ständigem Stress lebt, gibt es einfach keine Energie für Kreativität.
Im normalen Leben ist ein Künstler ein bunter Papagei, der dort etwas schreit und seine Federn färbt, nur um aufzufallen. Früher musste man Galeristen hinterherjagen, den Menschen beweisen, dass deine Kunst wichtig sein kann. Und jetzt hat die Kunst eine Kraft erhalten, die sie lange nicht hatte. Meine Arbeiten mobilisieren die Menschen, sie erlauben jene Gefühle auszudrücken, die keinen Ausgang haben.
Vor dem Krieg ging viel weniger Zeit auf die Kreativität selbst als jetzt. Während des Krieges trat die Kunst selbst in den Vordergrund. Und es gibt diejenigen, die ihre Tätigkeit aufgegeben haben und an die Front gegangen sind. Sie haben Pinsel und Leinwände gegen Sturmgewehre eingetauscht.
Ich sehe sehr viele unangenehme Dinge, sie gehen unter anderem von russischen Soldaten aus, die hier in der Stadt sich eingenistet haben. [Meine] Gefühle werden am besten durch körperliche Bilder vermittelt. Zum Beispiel abgerissene Beine. Eine ziemlich verbreitete Erscheinung dort, wo es Artilleriebeschüsse gibt. Krieg — das ist alles über die Beine, natürlich.
Möglicherweise sind meine Arbeiten für die Ukrainer, die im Land bleiben, jetzt nicht so aktuell. Hier sehen alle sowieso das ganze Entsetzen. Aber das kann aktuell sein für Europäer, Amerikaner. Sie sind von diesem Krieg schon lange müde, und für mich ist das immer noch Realität. Ich sehe das jeden Tag. Und das ist meine Wahl. Und meine Arbeiten — das ist die Erinnerung daran, dass der Krieg weitergeht.
Ich würde sehr wollen, dass die Russen diese Arbeiten sehen. Ihnen wird gesagt, dass sie hierher kamen, um uns zu retten. Aber in den letzten sechs Monaten haben sie uns nicht gerettet, sie haben uns einen sozialen Boden bereitet. Russische Soldaten haben ihn hierher gebracht.
Ich denke, die Russen sind nicht bereit, auf abgerissene Gliedmaßen zu schauen. Es ist für sie einfacher, das als Spezialoperation wahrzunehmen, die mit Fernkampfwaffen geführt wird.
Durch meine Arbeiten versuche ich unter anderem auszudrücken, warum die Menschen diesen Krieg unterstützen. Meiner Meinung nach wollen sie dieselben Gefühle bekommen wie ein Fan beim Fußballspiel. Deine Mannschaft gewinnt, du empfindest Stolz. Die postsowjetische Gesellschaft erkannte in den 1990er Jahren, nach dem Zerfall der Sowjetunion, plötzlich, dass ihr ganzes Leben — eine Seifenblase, eine Illusion ist. Es gab das Gefühl der Schande, die Russen verlegen sie bis jetzt.
Wenn du keinen Stolz auf dich selbst empfindest, versuchst du das Gefühl des Stolzes auf etwas anderes zu empfinden — um nicht das Gefühl der Angst zu empfinden. Dafür gehen die Russen in den Fernseher. Dort kann man seine Einheit mit der Fußballmannschaft, mit den Streitkräften fühlen, die, wie dir im Fernseher erzählt wird, dem Rest der Welt ihre Regeln diktieren.
Dabei glaube ich, dass der Krieg auch die russische Gesellschaft zum Besseren verändern kann. Die Freiheit der Persönlichkeit geben, die Entwicklung erlauben würde. Aber um die Freiheit zu erhalten, muss man sich anstrengen, die Angst überwinden.
Sicherheit — das ist eine Größe, die man nur im Vergleich erkennt. Deshalb bleibe ich und poste meine Arbeiten aus der Ukraine. Ich will nicht ewig Angst haben und weglaufen.


