Der Text des Interviews aus dem Instagram-Beitrag
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Meine Verwandten, jetzt schon ehemalige, leben in Kursk. Wir hatten sehr gute Beziehungen. Aber der Krieg und ihr zombifiziertes Bewusstsein führten dazu, dass es sie für mich nicht mehr gibt.
Als mein Sohn ums Leben kam, rief ich sie an, weinte. Meine Tante sagte: „Na und? Bei uns sind auch viele umgekommen“. Sie nahm es nicht wahr, dass ihr Enkel durch eine russische Granate ums Leben kam.
Er war in „Kraken“. Das ist eine militärische Einheit, die zum Hauptnachrichtendienst [des Verteidigungsministeriums der Ukraine] gehört. Anfangs [war er] im Auto-Bataillon als Fahrer, und dann wechselte er zur Sturmkompanie. Das sind die Jungs, die als Erste in den Kampf gehen.
Ich sprach mit Andrij am 5. September am Telefon. Er sagte: „Mama, mach dir keine Sorgen. Wir sind jetzt nicht auf Kampfeinsätzen“. Er kam vor jedem Einsatz vorbei, ich segnete ihn.
Am 8. ruft mich Andrijs Papa an: „Bist du zu Hause? Komm in den Hof“. Er sagte, dass Andrij umgekommen ist. Ich schrie sehr, fiel auf die Erde. „Woher weißt du das?“ — „Ich war im Leichenschauhaus, sah die Leiche“.
[Am 12. September] kamen wir auf den Friedhof, viele Soldaten waren da, vielleicht 100 Personen. Im einem Moment begannen Raketen zu fliegen. Jemand schrie auf: „Hinlegen!“, und wir alle fielen zur Erde.
Ich sagte in jenem Moment: „Söhnchen, ich werde dich jetzt einholen“. Aber alles wurde still.
Dann sagte mein Bekannter, der bei der Polizei arbeitet, dass zwei Raketen auf das Friedhofsgelände gekommen seien und nicht detoniert hätten. Wahrscheinlich hat uns Andrjuscha mit den Jungs beschützt. Wären die Raketen detoniert, wären alle, die bei der Beerdigung waren, ums Leben gekommen.
Mein Sohn fuhr noch 2014, als er 18 war, [als Freiwilliger] nach Pisky in der Oblast Donezk. Ohne mein Wissen. Er kam sehr gereift zurück, war stolz.
Ich verstand, dass wenn ein [umfassender] Krieg beginnt, mein Kind die Waffe nehmen und unseren Staat verteidigen wird. So ist es geschehen.
Und mein Cousin, der Geschäftsmann Roman Aljochin, — ist Sponsor der russischen Armee. Er hat ständig irgendwelche Sammlungen [von Geld für den Krieg]. Er hat einen Telegram-Kanal „Kursker Wahrheitssprecher“. Er glaubt, dass er die Wahrheit sagt.
Er schickte mir Informationen über amerikanische Biolabore auf dem Gelände des Charkiwer Krebskrankenhauses (Charkiwer Gebietszentrum für Onkologie — Anm. d. Red.). Dort ist ein Gebäude aus Sowjetbau, eine Renovierung wurde Millionen Jahre nicht gemacht. So sehr ich auch erklärte, dass das alles unwahr ist, hörte mich niemand.
Ich kann das nicht akzeptieren. Das ist nicht jene Bevölkerungsschicht, der man leicht etwas einreden kann, das sind denkende Menschen. Die Schwester hat ein [Kosaken-]Liederensemble „Wereja“. Und der Bruder hat eine eigene Produktion orthopädischer Prothesen.
Bei uns fliegen Flugzeuge, das ganze Haus wackelt, und die Schwester sagt: „Aber das sind doch eure, die euch bombardieren“. Dabei sagte ihr Mann: „Ich bitte aufrichtig alle Ukrainer um Verzeihung für alles, was Russland tut“.
[Vor dem Krieg] wandte sich eine Klientin [aus Russland] an mich, um Hilfe [eines Anwalts] auf dem Gebiet der Ukraine zu erhalten. Wir setzen mit ihr [die Arbeit] fort.
Für einen Anwalt gibt es keine Unterschiede der Hautfarbe, sprachliche Momente, Religionen. Wenn wir etwas tun können, um im Rahmen der nationalen Gesetzgebung zu schützen, werden wir das tun.
Als ich Trauer wegen des Sohnes hatte, unterstützte sie mich sehr. Sie und ihr Mann haben sich nicht der Propaganda hingegeben.
[Aber] Menschen, die auf dem Territorium der Ukraine Kriegsverbrechen begangen haben, werde ich nicht verteidigen. Wenn ein Mensch beschlossen hat, mit der Besatzungsmacht zusammenzuarbeiten, werde ich auch nicht helfen. Hier ist der Anwalt machtlos, denn der Klient selbst begeht eine vorsätzliche rechtswidrige Tat.
Als Anwältin glaube ich, dass die Strafe durch die Normen des internationalen Rechts vorgesehen sein soll. Aber als Mutter, die den einzigen Sohn verloren hat, [glaube ich], damit die Bewohner jenes Landes verstehen, was wir fühlen, sollten sie das durchleben, was wir durchlebt haben.
Es ist unklar, ob sie es verstehen werden. Die Massenmedien zeigen, dass Frauen, Mütter [dort] sich um die Auszahlungen sorgen. Die Mehrheit nimmt den Tod ihrer Familienmitglieder so wahr.
Als Andrjuscha nicht mehr da war, verlor das Leben den Sinn. Anfangs wollte ich einfach zu ihm auf den Friedhof fahren, mich aufs Grab legen und nicht aufstehen.
Ich fand Halt in der Unterstützung seiner Einheit. Organisierte eine Geldsammlung, wir sammelten 280 Tausend Hrywnja (etwa 7.000 Dollar). Kaufte ihnen zwei Autos, ein Wärmebildgerät, warme Socken, Metallteller, Tassen, Löffel, drei Visiere mit Nachtsicht.
Dieses Neujahr war für mich Folter. Wenn man mir Glückwünsche schickte, konnte ich nicht einmal antworten. Wir fuhren immer mit dem Sohn aus, einen Tannenbaum auszusuchen, dann warfen wir ihn am 8. März zu zweit weg, das war eine Tradition bei uns.
Vor mir liegt der erste Geburtstag ohne den Sohn. Ich verstehe, dass wieder das Gleiche sein wird: man wird mich anrufen, gratulieren, aber die Feiertage sind aus meinem Leben verschwunden.



