Der Text des Interviews aus dem Instagram-Beitrag
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Es begannen Signale einzugehen, dass in vielen Ortschaften, hauptsächlich ländlichen, massiv Krimtataren weggeholt werden. Es ergibt sich ein listiger Plan — mit einer „Operation“ führst du ethnische Säuberungen durch und reduzierst den Prozentsatz der nicht loyalen Bevölkerung.
In einem Eroberungskrieg gegen ukrainische Menschen kämpfen will ich nicht. Ich bin ein Patriot der Ukraine. Deshalb habe ich nach der Bekanntgabe der Mobilisierung beschlossen, nach Kasachstan auszureisen.
Ich will dort nicht aufhalten und will die Familie holen. Ich bin nicht mehr bereit, meine Kinder einer solchen Gefahr auszusetzen — auf einem Land mit dem schmutzigen [russischen] Staat zu leben. Wenn er auf meinem Land bleibt, will ich dort nicht sein und will nicht, dass meine Kinder dort sind. Dafür bin ich bereit, mich von meiner Liebe zur Krim zu verabschieden. Sie haben mich in eine solche Ecke getrieben, dass es keinen anderen Ausweg mehr gibt.
Ich weiß nicht einmal, wie ich erklären soll, was die Krim für einen Krimtataren bedeutet. Das ist nicht einmal ein Zuhause, das ist ein Ort, zu dem du kommst und die Erde küssen willst, weil sie mit Blut und Schweiß deiner Vorfahren bedeckt ist. Das ist die Erde, auf der deine Nation entstanden ist.
Mein Großvater mütterlicherseits wurde 1944 zusammen mit den Eltern im Alter von 6 Jahren nach Usbekistan deportiert. Der Großvater väterlicherseits diente in der Sowjetarmee, und nachdem er nach dem Krieg zurückkehrte, fand er auf der Krim seine Familie nicht, sie waren auch deportiert. Er fuhr nach Mittelasien, [sie] zu suchen.
Krimtataren in Usbekistan starben ganzen Familien. Die Menschen hatten nicht einmal die Kraft, menschlich zu beerdigen. Leichen trugen sie nicht, sondern schleppten hinter sich bis zu einem Hügelchen, gruben ein Löchlein, das morgens von Schakalen aufgegraben war, und die Leichen waren aufgegessen.
Der Großvater fand meine Großmutter in Usbekistan, sie hatten fünf Jungen geboren. Sie versuchten, in die Krim einzureisen, man ließ sie nicht. Sie zogen nach Nowoolexijiwka, das sind 30 Kilometer bis zur Krim, dort lebten viele Krimtataren. Dort traf mein Vater meine Mutter. Sie heirateten, wir wurden geboren.
Die Liebe zur Heimat verließ die Krimtataren nie, deshalb beschloss der Vater 1989 [mit der Familie], zu versuchen in die Krim einzureisen. Er war ein guter Profi und fand bei Simferopol einen Sowchos, in dem es eine Vakanz und einen den Krimtataren gegenüber loyalen Direktor gab. Der Vater zeigte, wozu er fähig ist, und ihm wurde Land angeboten. Innerhalb einer Woche verkauften wir das Haus in Nowoolexijiwka und zogen auf die Krim, um ein neues zu bauen.
Der Bruder meines Großvaters versuchte dreimal, ein Haus auf der Krim zu bauen. Dreimal riss man das Haus mit dem Bulldozer ab, und ihn brachte man außerhalb der Krim in den Krasnodarer Krai.
Tatarenhass wurde auf dem Territorium der Krim kultiviert. Es gab einen Fall: der Großvater rief einen Meister zu sich nach Hause, um den Fernseher zu reparieren. Jener zerlegte ihn, und dann fragt er: „Stimmt es, dass Krimtataren Menschen essen?“. Der Großvater sagt: „Ja, du bist gleich fertig, und ich werde dich essen“. Während sich der Großvater wegdrehte, machte der Meister sich aus dem Staub. So etwas hat man den Leuten in den Kopf eingehämmert.
Unter der Ukraine waren wir freie Menschen. Wir konnten unsere Gedanken äußern, unsere Meinungen zeigen.
[Nach der Annexion der Krim] entstand irgendeine tierische Angst. Ich vergleiche mich 2014, ich war ein freier Mensch, und jetzt — ein kleiner Köter, der in der Hütte sitzt. Das zerreißt von innen. Du hast in dir Freiheit, aber du kannst sie nicht ausdrücken, denn sie ist von einem Gitter wahnsinniger Angst vor dem schrecklichen FSB-System verschlossen.
Zu dem Zeitpunkt hatte ich schon Kinder. Arbeit konnte ich nicht finden, denn ohne russischen Pass nahm man mich nirgendwohin. Ich war gezwungen, russische Dokumente zu erhalten, um irgendwie auf meinem Land zu existieren.
Menschen, die außerhalb der Krim leben, verstehen nicht, was das ist. Sie denken, dass einige Krimtataren die Aktionen [Russlands] unterstützen. Das ist nicht so. Indem wir auf unserem Land leben, sind wir in keinster Weise dessen Gehilfen.
Man sagt uns: „Warum reist ihr nicht aus der Krim aus?“. Vom eigenen Land auszureisen — das war das Letzte, was mit jedem Krimtataren geschehen konnte. Und schon gar nicht aus eigenem Willen, als Protestzeichen. Das konnten wir nicht.
Wir konnten es auch im Februar nicht. Es bestand keine direkte Bedrohung für unsere Nation. Nachdem man so viele Jahre an einem Ort gelebt hat, alte Vater und Mutter, drei Kinder, Frau hat und keine finanzielle Möglichkeit, ist es schwer aufzustehen und zu fliehen. Du musst schon an die Wand gestellt sein [dafür] — wie es schließlich mit der Mobilisierung herauskam, als schon die Frage nach Leben und Tod steht.
Wäre ich jetzt in der Ukraine, würde ich in die Reihen der ukrainischen Armee gehen. Seine Heimat zu verteidigen — das ist die Pflicht eines Muslims und eines Bürgers. Aber wie soll ich denn mit diesem [russischen] Pass und kleinen Kindern fahren?
Ich fahre in ein fremdes Land und weine, weil zu Hause meine Kinder, Eltern geblieben sind. Ich bin machtlos. Ich will in meine Krim. Aber nur wenn dort kein Russland mehr sein wird. Mehr brauchen wir nicht, wir flehen den Allerhöchsten darum an.



