Der Text des Interviews aus dem Instagram-Beitrag
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Als die [umfassende] Invasion [in die Ukraine] begann, ging ich sofort hinaus. Ich hatte ein Plakat: eine Kriegsmumie, auf ihren Schultern Raben mit blutigen Schnäbeln. Das ist nach Versen Zwetajewas, aber bei ihr bezieht sich das auf Deutschland, und ich bezog diese Worte auf Russland: „Mumie des Krieges, du wirst verbrennen, Russland! Wahnsinn, Wahnsinn schaffst du“.
Ich stand neben dem Katharina-Denkmal am Newski (Denkmal Kaiserin Katharinas II. im Garten am Newski-Prospekt — Anm. d. Red.). Menschen kamen zu mir und bedankten sich. Viele weinten, fragten: „Wie kann ich helfen?“. Aber ich konnte nichts sagen, außer dem, was ich aufgeschrieben hatte.
2002 konnte ich einfach nicht schweigen, als „Nord-Ost“ passierte (Terroranschlag im Moskauer Theaterzentrum — Anm. d. Red.). Moskau schlief ruhig, ich hielt es nicht aus und ging zum ersten Mal hinaus. Einfach aus Empörung darüber, dass ich völlige Gleichgültigkeit der Menschen sah.
Ich schrieb auf Whatman, was ich sagen wollte („Herr Präsident, ändern Sie dringend den Kurs!“ — Anm. d. Red.). Dann verstand ich: ich kann bildhaft ausdrücken, was ich sagen will, da ich Künstlerin bin. Damit fing alles bei mir an.
Einige Jahre später passierte Beslan, dann Kemerowo, Kinder brennen (Geiselnahme der Schule in Beslan und Brand im Einkaufs- und Unterhaltungszentrum in Kemerowo — Anm. d. Red.). Und dabei ändert sich nichts in der Macht. Gleichgültig zu sitzen und auf all das zu schauen — das ist unmöglich.
[2014] hatte ich Plakate „Menschheit“, „Nein zum Krieg“, „Nein zur Atomenergie“. Dort war ein symbolisches Bild: Mutter Russland mit schwarzem Heiligenschein, ihre Hände liegen auf einem Sarg, und es stand „Fracht 200“ geschrieben. Unten war die Aufschrift: „Mütter und Frauen, stoppt den Krieg! Lasst keine weitere Invasion in die Ukraine zu“. Ein großes Plakat war auf Stoff: „Glaube nicht an die Gerechtigkeit des Krieges“. Menschen kamen zu mir, viele reagierten gut.
Jetzt gibt es schon weniger Möglichkeiten zu machen, wenig Kraft ist geblieben. Aber [zu machen] ist notwendig: die Hoffnung rettet die Menschen.
Als die Mobilisierung begann, stand ich mit Plakat beim Buchhaus, bei der Kasaner Kathedrale. Es kamen Väter zu mir: „Ich habe meinen dahin und dahin geschickt, damit man ihn nicht holt“. „Bravo“, — sagte ich. — „Richtig“.
Mütter kann ich mich nicht erinnern. Diese Haltung der Mütter ist erstaunlich. Ich hatte zu meiner Zeit gehandelt, um den Sohn zu bewahren, um den afghanischen Krieg zu vermeiden (wahrscheinlich geht es um den Zweiten Tschetschenienkrieg — Anm. d. Red.). Man nahm ihn nicht.
Menschen kommen zu mir und sagen: „Sie geben Hoffnung. Verzeihung, wir denken alle genauso, aber wir haben Angst“. Auch verständlich. Einfach ist es für sie selbst schlimmer. Das Schweigen hat dazu geführt.
Viele erkennen mich. Im Sommer kommt man nicht bis zum Geschäft: Es kommen Menschen, die in der Ukraine Verwandte haben. Sie weinen, sie wollen über ihre Probleme erzählen. Ich wollte mit jedem sprechen.
Vor kurzem schrieb mir ein Mädchen: Sie wollte eine Kopie machen und mit meinen Plakaten herausgehen. Ich sage: „Wenn Sie keinen Profit machen, sondern irgendwie verbreiten, ist das nicht unmoralisch, sondern im Gegenteil, es wird gut sein. Aber gefährlich für Sie“. Ich schlug vor: macht T-Shirts, Schals zum Thema, da man mit Plakaten nicht hinausgehen kann.
Plakate gibt es Hunderte. Ich sagte sofort, dass ich Plakate nicht verkaufen kann, sonst wird man mir nicht glauben. Nur Malerei darf ich verkaufen.
Ich habe auf vielen Plakaten ein Pazifismus-Zeichen gemalt. Es gab so eines: zwei Frauen verschiedener Nationalität halten Säuglinge mit Schnullern auf den Armen, und auf dem Schnuller das Pazifismus-Zeichen. Mit der Muttermilch saugt man Pazifismus auf.
Ich habe mich immer als Hausherrin in meinem Land gefühlt. Ich hatte eine Lehrerin im Malen — Menschen wie sie haben die stalinistischen Repressionen überlebt. Sie hatte einen Lieblingsspruch: „Hab keine Angst, Kleines, lebhafter! Wovor sich fürchten in seinem eigenen Vaterland?“. So sagte sie zur Malerei. Ich habe mich gewöhnt, mich vor nichts zu fürchten.
Ich war schon lange nicht in der Polizei. Sie fahren mich einfach weiter weg vom Newski [Prospekt], manchmal nehmen sie die Plakate weg. Aber es gibt auch solche: sie bewachen, wenn man steht, damit es keine Hooligan-Aktionen gibt, denn zwei meiner Plakate haben Hooligans einfach zerschlagen.
Ich hatte ein Plakat zu Worten [Alexander] Wertinskis: „Wer hat sie mit nicht zitternder Hand in den Tod geschickt“. Ich schrieb: „Er hat sie in den Tod geschickt“, denn allen war klar, wessen Befehl es war.
Buchstäblich für eine Minute gelang es, es herauszunehmen, und dann begann ein kräftiger junger Mann, es wegzunehmen, und beschädigte sogar das Plakat. Und ich sage den Leuten: „Rufen Sie bitte die Polizei, die Polizei wird wenigstens dieses Hooligantum stoppen“. Sie riefen. Sie haben es im Großen und Ganzen gestoppt. Das Plakat haben sie mitgenommen, seitdem habe ich es nicht mehr gesehen.
Ich hatte nie vor, aktiv zu sein, etwas in der Politik zu tun. Ich reagiere einfach als Bürgerin, als Mensch, der das alles nicht ruhig wahrnehmen kann. Wie ich begonnen hatte herauszugehen, so ging ich weiter, weil sich nichts änderte. Wie soll ich nicht hinausgehen?

